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Blond und unschuldig: 75 Jahre Tim im Lande der Sowjets | Drucken |  E-Mail
Roger Dascombe   
01.04.2004
Zeitgeschichte macht auch vor Comics nicht halt. Auch in ihnen spiegeln sich die aktuellen politischen und ideologischen Strömungen. So finden sich in den Erzählungen des Belgiers George Rémi, besser bekannt als Hergé, von der reaktionären Kritik an der Sowjetunion bis zur Kritik an den japanischen Verbrechen in China viele Ereignisse der damaligen Zeit wieder.

Bereits Ende der zwanziger Jahre erschienen die ersten Geschichten um den Reporter Tim in der belgischen Zeitschrift „Le XX siècle" (Das 20. Jahrhundert). Besondere Kennzeichen unseres rasenden Reporters sind der blonde Haarschopf, die Tatsache, dass er nie für eine Zeitung schreibt und ebenso wenig altert. Hergé veröffentlichte die erste Geschichte, als er 22 Jahre alt war, in der Jugendbeilage des XX siècle. Dabei handelte es sich um eine erzkatholische, reaktionäre Zeitschrift die von Norbert Wallez herausgegeben wurde, der auch einen entscheidenden Einfluss auf die ersten zwei Geschichten, „Tim im Lande der Sowjets" und „Tim im Kongo" hatte. Der Erfolg dieser Geschichten bescherte der Zeitschrift massive Auflagensteigerungen. Zu den Kollegen Hergés gehörte übrigens auch De Grelle, der im zweiten Weltkrieg ein Führer der belgischen Nazis werden sollte.
Katholische Reaktionäre
Dieses religiöse, antikommunistische und antimodernistische Weltbild der konservativen Katholiken Belgiens prägte auch die erste Erzählung. Tim ist der große Aufklärer, der die sowjetischen Verbrechen aufdeckt. Das Land wird als ein einziges Chaos dargestellt, in dem Blut fließt und allgemeines Chaos herrscht. Von potemkinschen Fabriken bis hin zu öffentlichen Wahlen unter vorgehaltenem Gewehr werden alle anti-sowjetischen Vorurteile bedient. Natürlich war Hergé nie im stalinistischen Russland, sondern bezog sein gesamtes Wissen aus der bürgerlichen Presse und aus „sachlichen" Büchern wie etwa „Moskau ohne Schleier". Es handelte sich im Prinzip um eine politische Auftragsarbeit, die aber sicher auch dem Weltbild des jungen Zeichners entsprach.

Das gleiche gilt für die Geschichte „Tim im Kongo" (1931), die aufgrund der Unterdrückung des Kongo durch die belgische Kolonialmacht noch um einiges brisanter ist. Die Bevölkerung des Kongo wird ganz im Sinne der Kolonialmacht als bestenfalls gutgläubige, schlimmstenfalls gefährliche ignorante Wilde dargestellt. Diesen soll das Licht der Zivilisation in Form katholisch-missionarischer Erziehung gebracht werden. Von den Verbrechen des belgischen Staates in der Region ist natürlich nicht die Rede, und die einzigen Verbrecher, die in der Geschichte auftauchen, sind amerikanische Gangster. Hergé gab später zu, dass er damals den Kongo nur durch die Linse bürgerlicher Vorurteile betrachtet hat und so die offizielle belgische Ideologie voll zum Tragen kam.
Unter dem Stiefel der Nazis
Nach der Besetzung Belgiens durch das faschistische Deutschland wird die Zeitschrift „Le XX siècle" verboten und „Tim und Struppi" ziehen weiter zur „Le soir". Diese Zeitung wird von der deutschen Propagandaabteilung herausgegeben. Der Comiczeichner entschuldigte sich mit der schwachen Ausrede, dass die anderen offiziellen Zeitungen noch hetzerischer waren. Die Politik des kleineren Übels hat noch nie besonders viel Positives bewirkt. In dieser Zeit wird das Abenteuer „Der mysteriöse Stern" veröffentlicht, in dem einige Kritiker sowohl antisemitische Tendenzen als auch versteckte Kritik am Naziregime zu erkennen glauben. Dies würde zum reaktionären, katholischen Weltbild passen. Hergé wurde nach dem Krieg als Kollaborateur eingestuft, was ihm eine Nacht im Gefängnis und für eine gewisse Zeit ein Arbeitsverbot einbrachte.
Mensch lernt nie aus
Betrachtet mensch das Gesamtwerk des Belgiers, muss mensch ihm zu Gute halten, dass er sich später inhaltlich weiterentwickelt hat. Der Schöpfer des Zeichenstils „ligne claire" lässt zumindest den Rassismus der Frühwerke hinter sich und Tim wird endgültig zum ewigen Pfadfinder und Beschützer der Schwachen, z.B. als er Romas vor Polizeiwillkür oder einen jungen Native American vor zwei Rassisten schützt. Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack beim Lesen der Comics.
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