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Kopftuch | Drucken |  E-Mail
Nina Klarfeld   
01.02.2004
Das Thema löst offensichtlich sehr starke Gefühle aus. Es geht um mehr als um ein Stück Stoff, das Männer von Frauen äußerlich trennt wie ein Rock. Die Gleichung Kopftuch = Islam = Frauenunterdrückung wird der Vieldeutigkeit der Problemstellungen nicht gerecht: Ist das Kopftuch ein kulturelles, religiöses oder politisches Symbol? Die ausgetauschten Argumente zielen regelmäßig aneinander vorbei.

Neben islamischen FundamentalistInnen sehen auch deutsche RassistInnen nur einen, angeblich einheitlichen Islam. Der hier alltägliche Rassismus fühlt sich von dem "Anderen", dem "Fremden" bedroht. JedeR Einzelne, der oder die nicht so ist wie "Wir", verkörpert diese Bedrohung. Und diese Verkörperung soll unterworfen oder unsichtbar gemacht werden. Das Kopftuch (= "der" Islam) ist für sie ein Angriff auf die deutsche oder die abendländische Kultur und muss verschwinden. Dass letztere auch für Kriege, Ausbeutung und Kolonialismus steht und immerhin Auschwitz hervorbrachte, findet keine Erwähnung.
Multikulturalismus?
Zu kurz greift es dann, wenn dem deutschen Rassismus ein Multikulturalismus entgegengesetzt wird, verbunden mit der Forderung nach "Toleranz". Auch hier wird so getan, als sei Kultur unveränderbar. Die "Anderen" sind eben anders und das ist schön. Hier werden schnell das Kopftuch und der Schleier zur geheimnisvoll-exotischen Tracht, die gerne beschaut wird. Sexistische Verhaltensweisen werden als zur aufbrausenden Mentalität der Männer gehörend verharmlost und so festgeschrieben. Dadurch werden migrantischen Frauen ihre Rechte abgesprochen, die für deutsche Frauen bestenfalls durchaus als gültig akzeptiert werden, letztendlich also auch Rassismus. Spätestens nach antisemitischen Anschlägen durch Araber und dem Bekanntwerden von islamistischen Terrorstrukturen (z.B. "Schläfern") in Deutschland ist diese Sichtweise aufs Schlimmste verharmlosend.
Debatte in Frankreich
Das Erstarken des politischen Islam ist auch der Hintergrund der Debatte in Frankreich, wo Schülerinnen wegen des selbst gewählten Tragens von Kopftüchern der Schule verwiesen wurden. Die LehrerInnen, die diese Entscheidung fällten, begründeten dies mit dem Schutz der anderen Schülerinnen, auf die der Druck ohnehin zunehme. Dies wiege mehr als das Recht der jungen Frauen auf Bildung. JedeR hat individuelle Freiheitsrechte, die erst bei der Einschränkung der Rechte Anderer enden. Im Fall von Fereshta Ludin hieß es, sie schränke das Recht der unterrichteten Kinder auf religiöse Neutralität des Staates ein. Diese existiert jedoch nicht in Deutschland, wo die Religionszugehörigkeit über das Meldewesen erfasst wird, Kirchensteuer für die beiden großen christlichen Kirchen eingezogen wird, Religionsunterricht und Kreuze in Schulen auftreten.
Meinungsherrschaft
Die bayerischen Nonnen, die Aufklärungsseiten aus dem Biologiebuch rissen, waren nur die Spitze des Eisbergs. Fraglich ist, ob das baden-württembergische Gesetz, das christliche und jüdische Symbole bei LehrerInnen erlaubt, das Kopftuch aber verbietet, vor dem Bundesverfassungsgericht standhalten wird. Es zeigt jedoch, wo die Meinungsherrschaft derzeit liegt.

Auffallend ist, dass nur sehr wenige migrantische Frauen mit islamischem Hintergrund selber zu Wort kommen, und wenn, zumeist als Kronzeuginnen der deutschen JournalistInnen. Wenn iranische Frauen gegen den staatlichen Kopftuchzwang sprechen, so dient das als Beleg für den Ruf nach einem Zwang des männlich-dominierten Staates, das Kopftuch abzulegen. Es interessiert auch kaum, weswegen Frauen ihren Kopf bedecken, lieber werden Vermutungen darüber angestellt. Es macht aber sehr wohl einen Unterschied, ob es aus Tradition, religiöser Überzeugung ("Sittsamkeit"), Druck aus dem Umfeld, Abgrenzung von einer Gesellschaft, die eine sowieso nicht teilhaben lässt und/oder als politisches Kampfsymbol geschieht.

Es geht für uns um die Frage, inwiefern in der Religion Einschränkungen angelegt sind, für Frauen, aber auch z.B. durch Beschneidungen an männlichen Kindern und Feindlichkeit gegenüber gleichgeschlechtlicher Sexualität. Es geht darum, jedem Sexismus und Rassismus aktiv entgegenzutreten. Das Schwierige an der Diskussion um das Kopftuch ist, dass sie derzeit vor allem von Kräften geführt wird, die für ihre antiemanzipatorischen Ziele scheinbar liberale Argumente nutzen.
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