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Grundrisse einer alternativen Gesundheitspolitik | Drucken |  E-Mail
Thadeus Pato   
13.02.2006
 

Kein kranker Mensch genießt die Welt
Johann Wolfgang Goethe

Zwölf
Setzt man das eben Gesagte auf das heutige politische System um, so würde es bedeuten, dass öffentliche Gesundheitsförderung in Zukunft nicht mehr ein gesonderter Politikbereich wäre, sondern dass sie als Konstante in jedem Politikbereich, ob nun Verkehr, Wohnungsbau, Industrieansiedlung, Energiepolitik, Agrarwirtschaft, als wesentlicher Entscheidungsparameter präsent wäre. Nun gibt es in verkrüppelter, d. h. systemimmanenter Form Versatzstücke durchaus auch schon heute. So zum Beispiel die so genannten Umweltverträglichkeitsprüfungen bei bestimmten Projekten, und es werden auch von verschiedenen Seiten analog dazu
Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen gefordert. Allerdings geht es dabei erstens in der Regel um Ort und/oder Art der Produktion/der Bauten und was dabei herauskommt, sind bestimmte Auflagen, allenfalls wird noch das St. Florians-Prinzip angewendet und statt hier eben anderswo gebaut, produziert oder abgezapft. Zweitens wird die Sinnhaftigkeit des jeweiligen Produkts selbst praktisch nie in Frage gestellt. So kann es zwar geschehen, dass ein Aluminiumwerk andere Filteranlagen einbauen oder seinen Produktionsstandort verlagern muss, über die Frage der grundsätzlichen Notwendigkeit einer derart schmutzigen Technologie wird jedoch kein Wort verloren.

Wesentlich wäre jedoch, diese Fragen von der Expertenebene herunterzuholen und in der Form direkter Demokratie vor Ort, d. h. in den betroffenen Regionen, zu entscheiden. Konkret gesprochen: Die Frage, ob in Costa Rica unter unsäglichen Arbeitsbedingungen mit massivem Pestizideinsatz und entsprechender Exposition von Arbeitern und Umgebung für den europäischen Markt Bananen produziert werden sollen, muss von den Bewohnern der entsprechenden Region entschieden werden – ohne dass sie dadurch vor die Alternative „Gift oder Hunger“ gestellt werden.

Dreizehn
Natürlich kann eine vernünftige, d. h. gesundheitsförderliche, basisdemokratische gesellschaftliche Planung nicht sämtliche Gesundheitsrisiken beseitigen, und schon gar nicht bei einem gewissen Prozentsatz der Menschen angeborene oder erworbene Handicaps, die der Hilfe von Medizinprofessionellen bedürfen.  Aber sie kann einen großen Teil des heutigen überdimensionierten Medizinapparates schlicht überflüssig machen.

Trotzdem werden auch in einem im Grundsatz gesundheitsförderlich ausgerichteten Gemeinwesen die Menschen über einen Stein stolpern und sich den Knöchel brechen, sie werden im Alter inkontinent werden, einen Kaiserschnitt benötigen, unter einer behandlungsbedürftigen Zuckererkrankung leiden oder einen Herzinfarkt bekommen.

Schwere Unfälle wird es mit der Beseitigung des Individualverkehrs viel seltener geben, aber es wird sie geben, der Bluthochdruck und seine Folgen wird mit Abbau von Stressfaktoren und vernünftiger Ernährung als Massenkrankheit zurückgehen, aber es wird ihn weiter geben. Folgerichtig wird es wie in der gesamten Menschheitsgeschichte auch in einer solchen Gesellschaft weiter Medizinprofessionelle geben (müssen), die sich mit diesen Problemen auf der individuellen Ebene befassen und Einrichtungen, in denen geforscht, gelehrt und behandelt wird.

Die Frage bleibt, wie diese dann zu organisieren wären und wer die Schwerpunktsetzung, die Ausformung und den Zugang zu diesem Bereich bestimmt.

Welcher Arzt kann seine Patienten im
Vorübergehen behandeln?
Seneca

Vierzehn
Was die Frage der Organisierung betrifft, so ist diese relativ konkret abzuhandeln – und es gibt auch kleine Ansätze im internationalen Vergleich der heute existierenden Systeme, deren Betrachtung hierbei hilfreich sein kann. Entgegen dem heute grassierenden Wildwuchs von einzeln, in kleinen Gruppenpraxen, großen und kleinen privaten und öffentlichen Kliniken arbeitenden Medizinprofessionellen, die sich zunehmend nach dem Markt ausrichten , wäre eine breite gesellschaftliche Planung nach den Prinzipien der medizinischen Notwendigkeit und der Erreichbarkeit im Sinne einer abgestuften regionalen Versorgung zu installieren. Entgegen der Tendenz, die Flächenversorgung zugunsten großer (im Sinne des Prinzips der Gewinnmaximierung effektiver, aber nicht unbedingt medizinisch besser arbeitender) Einheiten auszudünnen, wären entsprechend der Bevölkerungsdichte und einer zu definierenden Maximalentfernung abgestufte Versorgungseinrichtungen aufzubauen. Eine Trennung von so genannter stationärer und ambulanter Versorgung dürfte es ebenso wenig geben wie die heutige Trennung von behandelnder und vorsorgender Gesundheitsfürsorge. Ein Netz von ambulanten Versorgungszentren, die Mediziner aller Richtungen, Psychologen, Gesundheitserzieher, Krankengymnasten etc. gleichberechtigt integrieren, gekoppelt mit einem abgestuften System von stationären Einrichtungen, finanziert aus öffentlichen Mitteln, mit festen Gehältern und unter Kontrolle der regionalen Bevölkerung, würde den heutigen Wildwuchs ersetzen.

Dabei sollte man sich dieses im Gegensatz zu heute nicht so vorstellen, dass die Frage ambulante oder stationäre Behandlung sich grundsätzlich alternativ stellt. Die Grenzen werden durchlässig sein, es kann durchaus sein, dass ein Kranker nachts in der Einrichtung und tags zuhause ist oder umgekehrt, dass der Spezialist aus dem Krankenhaus einen Hausbesuch macht oder der Psychologe oder Arzt aus dem Ambulatorium in ersterem mitarbeitet, wenn es nötig ist, weil beispielsweise einer seiner Betreuten dort ist.

Nun stellt sich dabei erstens die Frage, ob eine effektive Kontrolle über einen so hoch spezialisierten Bereich möglich ist und zum zweiten, wie diese Kontrolle ausgeübt werden soll.

Ein Beispiel aus dem kubanischen System: Jede Behandlungseinrichtung hat einen festgelegten Versorgungsauftrag. Das heißt, dass wenn ein Fall behandelt wird, der über diesen Auftrag hinausgeht (für den also potentiell diese Einrichtung nicht kompetent und/oder technisch ausgrüstet ist), sofort eine Kommission in Tätigkeit tritt, die nachfragt, warum es nicht möglich war, den betreffenden Patienten in ein entsprechend ausgelegtes Zentrum zu verlegen. Wohlgemerkt geschieht das nicht nur – wie hierzulande üblich – wenn etwas schief gegangen ist, sondern grundsätzlich.

Dieses Prinzip wäre geeignet, Kontrollmechanismen zu installieren, die ein System der abgestuften Versorgung praktikabel machen. Die Kontrolle wiederum sollte allerdings nicht, wie in Kuba üblich, zentralisiert erfolgen (wobei man die Bevölkerungszahl in Rechnung stellen muss, die dort mit 11 Millionen einem Bundesland in der BRD entspricht), sondern regional. Und die Kontrollfunktionen sollten von einem Komitee von gewählten – und absetzbaren – Bürgern wahrgenommen werden, die von entsprechenden Fachleuten unterstützt werden.

Und da wären wir beim nächsten Grundsatz: Die Behandler in den Versorgungseinrichtungen sollten ebenfalls öffentlicher Kontrolle unterliegen, ihr Amt sollte ein Wahlamt sein und sie sollten dementsprechend auch von den Bewohnern ihres Einzugsbereiches absetzbar sein. Das würde Zustände verhindern helfen, wie sie heutzutage in manchen Gegenden herrschen, wo inkompetente Ärzte die Leute dazu zwingen, weite Wege zum nächsten Arzt oder Krankenhaus in Kauf zu nehmen.

Und sage niemand, es könnten die Betroffenen nicht zwischen einem guten und einem schlechten Gesundheitsarbeiter unterscheiden. Denn dieser würde ja in einem solchen System nicht nur als Behandler im engeren Sinne (s. o.), sondern auch als Lehrer, Berater und Planer in Erscheinung treten.



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