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Grundrisse einer alternativen Gesundheitspolitik | Drucken |  E-Mail
Thadeus Pato   
13.02.2006

 
Unter Gesunden ist der Arzt überflüssig.
Tacitus

Neun
Der Grundgedanke, Gesundheit und Krankheit als gesellschaftliches und nicht als individuelles Phänomen zu begreifen, ist so neu nicht. Bereits die so genannten Sozialhygieniker des 19. Jahrhunderts wie etwa Virchow thematisierten ihn und in Gestalt der Epidemiologie beispielsweise (derzeitiges Beispiel die Maßnahmen gegen die Vogelgrippe) hat er durchaus stellenweise Eingang in die staatliche und suprastaatliche Gesundheitspolitik gefunden. Der englische Medizinsoziologe Mc Keown wies schlagend nach, dass die Anstrengungen der Individualmedizin zur Bekämpfung der wesentlichen gefährlichen Massenerkrankungen der letzten einhundertfünfzig Jahre am wenigsten beigetragen haben.

Diese Erkenntnis hat sich allerdings mitnichten in der real existierenden Gesundheitspolitik durchgesetzt – weder in den kapitalistischen noch in den nichtkapitalistischen Gesellschaften. Am Beispiel der nichtkapitalistischen Parteidiktaturen des ehemaligen Ostblocks, Chinas und Kubas lässt sich zeigen, wie tief die Vorstellung von Gesundheit und Krankheit als individuenzentriertes Konstrukt im Bewusstsein verankert war bzw. ist. Die Fortschritte des „Gesundheitswesens“ wurden auch dort vorwiegend im Ausbau der individuellen Krankheitsversorgung – Krankenhäuser, Polikliniken, Pharmaforschung etc. – gesehen, auch wenn, zum Beispiel in Bereichen wie dem Mutterschutz, durchaus Ansätze in eine andere Richtung zu beobachten waren. Hinzukommt, dass die bürokratisch zentralisierte Planung eine wirkliche gesamtgesellschaftliche Debatte und damit die Grundvoraussetzung für eine kollektive Umdeutung des Gesundheits- und Krankheitsparadigmas verunmöglichte. 

Auch in diesen Gesellschaften monopolisierte eine Kaste von „Wissenden“ nicht nur das Wissen selbst, sondern auch die Diskussion darüber, welche Maßnahmen sinnvoll oder nicht sinnvoll sind. Diese Erfahrungen müssen in die Überlegungen über eine zukünftige Gesundheitspolitik, insbesondere ihre Strukturen betreffend, einfließen.

 
Wie die Ratten die gefüllten Speicher heimsuchen,
so auch die Krankheiten die überfütterten Menschen.
Diogenes

Zehn
Es ist hier nicht der Platz, um den Grundgedanken von Gesundheitspolitik als öffentlich und kollektiv zu diskutierende Querschnittsaufgabe auf alle Bereiche des täglichen Lebens herunterzubrechen. Aber wir wollen uns einmal ein Beispiel herausgreifen, um deutlich zu machen, was konkret dabei herauskommen könnte.

Eine wesentliche Grundlage für die Förderung von kollektiver Gesundheit ist die Ernährung. In der BRD ist es heute theoretisch (im Gegensatz zum größten Teil der restlichen Welt) durchaus möglich, sich gesund und ausgewogen zu ernähren – vorausgesetzt, man hat das Geld dazu und das entsprechende Bewusstsein bzw. Wissen. Allerdings gibt es eine Unmenge von im besten Fall überflüssigen, im schlechtesten gesundheitsschädlichen Lebensmitteln. Gesundheitsschädlich sind viele davon nicht nur im engeren Sinne, nämlich für die Konsumenten, weil sie etwa per se krankmachend sind (vom wieder in Mode gekommenen Absinth bis zu den mit Acrylamid verseuchten Pommes Frites) oder weil sie beispielsweise mit Pestiziden, Insektiziden, Konservierungsmitteln, Radioaktivität oder chemischen Beimengungen versehen sind.

Gesundheitsschädlich ist ein Teil davon auch, weil ihre Produktion unter die Produzenten krankmachenden Bedingungen geschieht oder weil die – zentralisierten – Produktionsstätten entsprechende Auswirkungen auf die Umwelt haben.  Aber es gibt noch einen weiteren Punkt: Die überall und ganzjährige Verfügbarmachung sämtlicher denkbarer Produkte führt einerseits zum genannten Einsatz von entsprechenden Stoffen zur Haltbarmachung etc., andererseits erzeugt sie in ungeheurem Ausmaß Verkehr, der in mehrerlei Hinsicht gesundheitspolitisch desaströs ist – von der Klimaveränderung auf der allgemeinsten Ebene über den Landschaftsverbrauch bis hin zum Verkehrstoten und Lärmgeschädigten auf der konkreten. Damit entsteht die paradoxe Situation, dass ein vorgeblich gesundheitsförderlicher Ansatz, nämlich gesunde Lebensmittel für alle ganzjährig verfügbar zu machen, sich bei konkreter Betrachtung ins Gegenteil verkehrt: Die Konsumenten bekommen bedenkliche Ware, die Produzenten, beispielsweise auf den Bananenplantagen Mittelamerikas, vergiften sich mit Chemikalien, Kleinbauern wird die Lebensgrundlage entzogen und mit dem zunehmenden Verkehr und seinen Auswirkungen auf das globale Klima  kommt der nächste Hurrikan bestimmt.

Unser Beispiel zeigt, dass diese Ernährungsm(eth)ode global wie lokal gesehen nicht gesund ist – und zwar für alle Beteiligten, vom Produzenten bis zum Konsumenten. Die gesundheitliche Gesamtbilanz wird negativ ausfallen. Es muss also in diesem Zusammenhang regional darüber diskutiert werden, in welchem Umfang welche Lebensmittel wie produziert werden sollen und dürfen, wie Transport und Überausbeutung lokaler natürlicher Ressourcen (Wasser, Boden) durch regionale Produktion und regionalen Vertrieb vermieden werden können, und welche Produktionsmethoden und -bedingungen zu ändern wären.  Das hieße dann, die Frage, welcher Bauer welche Lebensmittel für welchen Markt produziert, welcher Verarbeitungsbetrieb wie was wohin liefert und welche Produktionsstrukturen zu schaffen sind, nicht mehr dem Belieben des Einzelnen oder einer Gruppe  zu überlassen.

Bildung ist eine Form des Zugangs zur Welt,
die das Gegenstück zur Lebenspraxis ist, über
die in den traditionellen Gesellschaften eine
Identität ausgebildet wird.
Günter Dux

Elf
Entsprechendes wäre für alle gesellschaftlichen Teilbereiche zu formulieren, wie wir es weiter oben bereits ansatzweise für die Wohnungspolitik getan haben. Zwei grundlegende Voraussetzungen müssen allerdings geschaffen werden, damit ein solcher Prozess der Umsteuerung in Gang gebracht werden kann. Die eine davon ist auf Weltebene bereits erreicht: Der Zustand des gesellschaftlichen Reichtums. Der Globus ist in der Lage, aufgrund des heutigen Standes der Produktivkräfte genug zu produzieren, um alle Grundbedürfnisse aller zu befriedigen – es geht aktuell eigentlich nur noch um eine gerechte und der Gesundheit zuträgliche  Verteilung.

Die zweite Voraussetzung wäre ein System verallgemeinerter Bildung, die die Menschen in die Lage versetzt, autonom und verantwortlich gemeinsam darüber zu entscheiden, wie zum Beispiel mit Produktion und Distribution von Nahrungsmitteln zu verfahren ist.

Demokratische Entscheidungsfähigkeit setzt Bildung voraus – und somit ist die Bildungspolitik ebenfalls ein Bereich, der in die „Querschnittaufgabe“ Gesundheitsförderung einzubeziehen ist. Heutige Gesundheitsförderung, soweit sie überhaupt betrieben wird, ist in erster Linie individuenbezogen, d.h., sie stellt darauf ab, nicht nur dem Individuum zu suggerieren, dass es selbst und allein für seine Gesundheit und -erhaltung verantwortlich ist, sondern sie hat im heutigen System auch zur Folge, dass sich auf dieser Grundlage zum einen wieder eine Heerschar von Spezialisten herausbildet (die die Kompetenz und Deutungsmacht für die Gesundheitsförderung für sich reklamieren), zum anderen, dass eine neue Gesundheitsindustrie die abstrusesten Artefakte für diese individuellen „Gesundheitsanstrengungen“ auf den Markt wirft – vom Hometrainer bis zum Stock fürs Nordic Walking.



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