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Grundrisse einer alternativen Gesundheitspolitik | Drucken |  E-Mail
Thadeus Pato   
13.02.2006
 

Sechs
Wie wäre aber dann ein solches System zu organisieren, das an wissenschaftlichen Erkenntnissen über die gesellschaftliche Bedingtheit von Gesundheit und Krankheit orientiert ist und das die Sorge um Gesundheit vor die Sorge um Krankheit stellt? Diese Frage muss auf verschiedenen Ebenen gestellt und beantwortet werden:

Zum einen wäre da die Frage, inwieweit Gesundheitspolitik überhaupt als von anderen Politikbereichen abgetrennter eigener Bereich zu sehen und zu behandeln ist.

Dann stellt sich die Frage der Verfasstheit, was die Forschungs- und Behandlungsbereiche betrifft. Dabei geht es wesentlich um die Alternative zwischen einem über die Staatsorganisation zentral gesteuerten quasi-Wohlfahrtssystem und einem, das die unmittelbare Steuerung und Mitentscheidung durch die Betroffenen in den Mittelpunkt rückt, das heißt, es müsste näher bestimmt werden, welcher Art die so genannte öffentliche Hand sein soll.

Und schließlich gilt es, die Frage zu beantworten, wie im Konkreten mit dem umgegangen wird, was heute schamhaft verschwiegen wird, dass nämlich ein bestimmter Teil der medizinischen Leistungen nur einem kleinen Teil der Menschen vorbehalten bleibt (und teilweise: vorbehalten bleiben muss) – also der Frage der so genannten Elitemedizin.

 
Licht bringt Gesundheit
Seneca

Sieben
Was die Frage nach Gesundheitspolitik als von anderen gesellschaftlichen Teilbereichen abgegrenztem Bereich betrifft, so entspricht der derzeitige Zustand ziemlich exakt der Aufgabe, die ihr implizit zugemessen wird, nämlich der, die durch die jetzige Art der Gesellschaftsorganisation verursachten Schäden und Risiken zu minimieren – wobei daraus dann in den letzten einhundertfünfzig Jahren ein gigantischer Wirtschaftsbereich geworden ist.  Ein klassischer Reparaturbetrieb also im besten Falle, wobei manche Medizinkritiker sogar davon ausgehen, dass die so genannte moderne Medizin mehr Schäden verursacht als Nutzen stiftet.

Vernünftig wäre es stattdessen, Gesundheitspolitik als Konstante in alle gesellschaftlichen Lebens-, Arbeits- und Produktionsprozesse zu integrieren. Die schüchternen Ansätze, die es hierzu heute schon zum Beispiel in der betrieblichen Gesundheitsförderung gibt, greifen zwar, wie wir gleich sehen werden, ebenfalls zu kurz, zeigen aber zumindest, in welche Richtung es gehen muss.

Es geht nämlich darum, die bestehenden Wissens- und Forschungskapazitäten zu nutzen, um bereits von vorne herein bei allem, was eine Gesellschaft an Aktivitäten betreibt, die Frage danach zu stellen, welche Auswirkungen das in Hinblick auf Gesundheit und Krankheit hat und entsprechend nicht erst im Nachhinein den Medizinbetrieb als Reparatursystem für gesundheitsfeindliche Planungen in Anspruch zu nehmen.

Statt also ein flächendeckendes Rettungssystem (gegen das prinzipiell wohlgemerkt nichts einzuwenden ist) zu installieren, einschließlich unfallchirurgischer Spezialkliniken, um die Folgen des ausufernden Individualverkehrs abzupuffern, wäre eine Verkehrsplanung vonnöten, die ersteren abbaut und kollektive Verkehrssysteme fördert.

Statt der zunehmenden Luftverpestung durch eben diesen Verkehr mit der Entwicklung von Filtersystemen und Klimaanlagen (die ihrerseits wieder die Zahl der Atemwegserkrankungen in die Höhe treiben) Paroli zu bieten, wäre eine Politik der Verkehrsvermeidung zu betreiben, indem beispielsweise durch entsprechende Ansiedlungspolitik die Arbeit zu den Menschen gebracht wird statt umgekehrt.  

Statt die Folgen menschenfeindlicher Arbeitsplatz-, Arbeitszeit- und Arbeitsorganisationsbedingungen durch sekundäre Maßnahmen abzumildern zu versuchen, wäre eine Orientierung dieser Bedingungen an den Prinzipien des Gesundheitsschutzes vonnöten – nicht nur auf dem Gebiet der Ergonomie (auf dem heute schon aus Profitgesichtspunkten Anstrengungen unternommen werden), sondern auch in Bezug auf Stressbedingungen – Akkord, Leistungsdruck, Hierarchie.

Das sind nur einige Beispiele. Entsprechendes lässt sich für die meisten gesellschaftlichen Bereiche formulieren: Soziale Ausgrenzung durch menschenfeindliche Wohnungsbaupolitik zum Beispiel erzeugt Krankheiten und Störungen, deren Behandlung heute des Psychologen und des Sozialarbeiters bedarf, erzeugt Lebenssituationen, besonders im Alter, die dann den Aufbau von gesonderten Anstalten wie Alters- und Pflegeheime notwendig machen, was dann folgerichtig zur weiteren Ausgrenzung und Isolation führt.  Die Entwicklung kollektiver Wohn- und Lebensformen, umgesetzt in eine (im Übrigen dann auch gegenüber der Häuslebau-Manie umweltschonenderen, weil Fläche sparenden) intelligente öffentliche Ansiedlungs- und Wohnungsbaupolitik könnte gewährleisten, dass jede/r sein/ihr Leben auch im Alter im gewohnten Umfeld verbringen und beschließen kann. Damit könnten wir die heute geltende menschenfeindliche Verfahrensweise, alle, die noch nicht oder nicht mehr „richtig funktionieren“, seien es Alte, Kranke, Kinder oder Behinderte, eben „Andere“, in gesonderte Einrichtungen – Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime, Pflegeeinrichtungen, psychiatrische Klinken – zu verbringen, überflüssig machen.  Das zeigen im Kleinen bereits existierende Beispiele wie etwa das so genannte Hundertwasser-Haus in Wien, das in dieser Hinsicht eine mögliche Richtung weist.

Voraussetzung für eine wirkliche Gesundheitspolitik, die mehr ist als Risikomanagement, ist also, sie als eine Querschnittsaufgabe zu begreifen und zu organisieren. Brauchen wir also einen neuen Gesundheitsbegriff, um der Lösung des Problems näher zu kommen?

Reich ist, wer keine Schulden hat.
Glücklich ist, wer ohne Krankheit lebt.
Aus der Mongolei

Acht
Eigentlich bräuchten wir ihn nicht, denn gehen wir von der Definition der Weltgesundheitsorganisation aus, dann ist Gesundheit „der Zustand körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Nach dieser Definition ist implizit eigentlich klar, dass eine Gesundheitspolitik, die sich nicht als Querschnittsaufgabe, sondern als gesonderter Arbeitsbereich begreift, nicht dazu geeignet ist, diesen Zustand herzustellen. Denn soziales Wohlbefinden in einer extrem ungleichen, hierarchisch strukturierten, zunehmend individualisierten und damit segregierten Gesellschaft beispielsweise ist schlicht nicht denkbar. Damit wäre logischerweise ein zentraler Ansatz die Beseitigung dieses Zustandes.

Mit dem expliziten Gesundheitsbegriff der WHO verhält es sich so, dass er mit dem impliziten, d.h. dem in dieser Gesellschaft tatsächlich wirkmächtigen, recht wenig zu tun hat. Über 90% des weltweiten Mitteleinsatzes im Gesundheitsbereich dienen der Erkennung und Behandlung, allenfalls noch der Früherkennung und – z.B. auf dem Feld der Impfungen – Prophylaxe individueller Erkrankungen und der Forschung auf diesem Gebiet. Das bedeutet, dass der sozusagen heimliche, unformulierte Gesundheitsbegriff der ist, Gesundheit schlicht als Abwesenheit von Krankheit zu definieren. Und was krank ist, wird von den Medizinprofessionellen definiert – teilweise aus recht vordergründigen Motiven. Teilweise wird es aber auch durch einen Normalitätsbegriff definiert, gegen den beispielsweise Behindertenverbände seit langem kämpfen, die gegen das allgemeine Schema krank-gesund das „Andere“ setzen und darauf bestehen, dass sich auch jemand mit schweren Handicaps durchaus „gesund“ im Sinne der WHO-Definition fühlen kann.

Was folgern wir daraus: Der herrschende implizite Gesundheitsbegriff, der letztendlich auf eine Normierung hinausläuft, ist tief in das Bewusstsein der Gesamtbevölkerung eingedrungen und eine der Aufgaben einer anderen Herangehensweise an Gesundheit und Krankheit wäre es, eine entsprechende Bewusstseinsänderung zu befördern.

Besonders deutlich wird dies in den Extrembereichen wie dem der Eugenik (heute beschönigend Humangenetik genannt) und dem der kosmetischen Chirurgie (heute gerne als ästhetische Chirurgie verkleidet). Im ersteren Falle werden bestimmte Normabweichungen im embryonalen Genom nicht als „anders“, sondern als krank klassifiziert und die Forschungsanstrengungen darauf gerichtet, derartige Abweichungen entweder zu verhindern (durch pränatale Diagnostik und Abtreibung beispielsweise), oder – derzeit noch Zukunftsmusik, aber durchaus nicht Science Fiction – von vorne herein durch entsprechende Techniken möglichst „perfekte“ Wesen zu programmieren.

Im letzteren Fall wird ebenfalls ein „Idealzustand“ postuliert, der dann durch entsprechende Eingriffe hergestellt werden soll. Nun ist unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen eine derartige Entwicklung nur logisch, denn unter den Voraussetzungen einer entwickelten Warengesellschaft wird letzten Endes auch der Mensch zur Ware, einschließlich seiner Einzelteile.

Auch hier zeigt sich also, dass eine andere Herangehensweise an Gesundheit und Krankheit ein anderes Verhältnis der Individuen zu sich selbst und untereinander zur Voraussetzung hat. Es wäre nun aber ein vulgärmarxistischer Trugschluss, zu meinen, wenn dem so ist, dann müssten erst die allgemeinen gesellschaftlichen (Macht)verhältnisse umgestürzt werden, bevor an eine Neubestimmung einer Gesundheitspolitik, die eine solche ist, gegangen werden kann. Im Gegenteil: Die Keimformen für eine solche Politik müssen heute gelegt werden – und einige Ansätze gibt es bereits, zum Beispiel in dem oben erwähnten Fall der Behindertenorganisationen.

Das heißt, eine zukünftige Gesellschaft müsste den Gesundheitsbegriff der WHO aufgreifen und im Rahmen eines allgemeinen gesellschaftlichen Diskussionsprozesses für sich definieren, welche Strukturen notwendig sind, um ihn einzulösen. Und das kann nicht nur auf der konkreten Ebene, welche gesundheitspolitischen Maßnahmen im Einzelnen zu treffen wären – einige Beispiele wurden weiter oben genannt –, stattfinden, sondern es muss auch auf der Ebene des Überbaus geschehen.

Also brauchen wir nicht nur einen neuen Begriff von Gesundheit und Krankheit, sondern als Voraussetzung dafür ein neues Bild des Menschen. Und der Erweiterung des WHO-Gesundheitsbegriffes im Sinne des oben gesetzten Postulates wäre dann hinzuzufügen, dass der individuelle Zustand des körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens nie als individueller denkbar ist, sondern immer als gesellschaftlicher.



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