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Grundrisse einer alternativen Gesundheitspolitik | Drucken |  E-Mail
Thadeus Pato   
13.02.2006

Wie sich körperlich viele für krank halten,
ohne es zu sein, so halten umgekehrt
geistig sich viele für gesund, die es nicht sind.
Lichtenberg

Drei
Was in der gesundheitswissenschaftlichen Diskussion der letzten hundert Jahre immer deutlicher wurde, aber erst durch das Konzept der Salutogenese von Antonofsky größere Verbreitung erlangte, ist die Erkenntnis, dass die entscheidende Frage nicht ist, wie Krankheit entsteht, sondern, wie Gesundheit erhalten werden kann. Die Forschungen, die von dieser Fragestellung ausgehen, werden allerdings von der Industrie, die stattdessen mit Milliardenaufwand neue Medikamente, Instrumente und Implantate entwickelt, kaum unterstützt – damit ist wenig Profit zu machen.

Und damit wären wir bei dem ersten und wichtigsten Ansatzpunkt für einen anderen Umgang mit Gesundheit und Krankheit und damit für die Schaffung eines wirklichen Gesundheitswesens: Das grundlegende Medizinparadigma, es gehe in erster Linie darum, Krankheit vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der herrschende Gesundheitsbegriff geht von einer Definition aus, die technisch gesetzt ist, die sich auf willkürlich gesetzte Normalitätsbegriffe stützt, extrapoliert aus Durchschnittslaborwerten, Durchschnittsgewichtsbestimmungen, Durchschnittsanatomie und Durchschnittsintelligenzquotienten (und Durchschnittswahnvorstellungen – eine Halluzination ist krank, die Gier nach der dritten Milliarde ist gesund). So werden Menschen krank argumentiert und -klassifiziert und laufen ihr Leben lang hinter einem fiktiven Ideal hinterher, zu dem ihnen die Segnungen der modernen Medizin verhelfen sollen – im Extremfall von der Brigittediät über die Fettabsaugung bis hin zum Facelifting und Silikonbusen.

Die meisten der so genannten Vorsorgeuntersuchungen sind nichts anderes als Früherkennungsuntersuchungen.  Das, was in diesem System an Krankheitsvorsorge und Gesundheitsförderung (die es ja durchaus auch gibt) betrieben wird, ist ebenfalls auf diese Fiktion einer idealtypischen „Gesundheit“ bezogen und generiert erneut eine Kaste von Professionellen, von Spezialisten, die auf der Grundlage des geltenden Gesundheits- und Krankheitsbegriffes im besten Fall die schlimmsten durch menschenfeindliche Umwelt- und Gesellschaftspolitik bedingten Gesundheitsrisiken minimieren. Im schlechtesten Fall, und das ist die Regel, sollen sie die gesellschaftlich bedingten Risiken durch individuenbezogene Propagierung und Einübung so genannten gesundheitsförderlichen Verhaltens abpuffern.

Wehre den Anfängen, zu spät wird
die Medizin verabreicht.
Ovidius Naso

Vier
So wäre denn die erste, wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe beim Aufbau einer Gesundheitspolitik, die diesen Namen verdienen würde, eine komplette Umdeutung des Gesundheits- und Krankheitsbegriffes. Dazu gehört, dass das in unserer Gesellschaft vorherrschende Paradigma – dass nämlich Gesundheit und Krankheit individuelles Schicksal sind und damit der individuellen Verantwortung unterliegen – beseitigt wird.

Paradoxerweise ist bekannt und belegt, dass die zahlenmäßig bedeutendsten Erkrankungen, mit denen sich sowohl die Schulmedizin wie auch die so genannten alternativen Medizinrichtungen beschäftigen, sämtlich vorwiegend auf gesellschaftlichen und nicht auf individuellen Phänomenen fußen: Die exponentielle Zunahme an Herz- und Kreislauferkrankungen in den letzten Jahrzehnten beispielsweise wird vom herrschenden Medizinsystem beantwortet mit dem Aufbau von Katheterlabors, Entwicklung von Medikamenten gegen zu hohen Fettspiegel, Eröffnung von herzchirurgischen Kliniken und der Propagierung der Organtransplantation.

Interkulturelle Vergleiche zeigen, dass sie eine direkte Folge der herrschenden Arbeits- und Lebensweise sind. Alle Versuche, diesem Problem auf dem Wege der chirurgischen und medikamentösen Zurichtung des Individuums an diese Verhältnisse zu Leibe zu rücken, haben den grundlegenden Trend nicht umkehren können. Studien belegen dagegen zweifelsfrei, dass die unbestreitbar in den reichen Industrieländern gestiegene Lebenserwartung mitnichten mit dem Einsatz dieser Mittel im Zusammenhang steht, sondern dass die wesentlichen Gründe hierfür in allererster Linie in den verbesserten Lebensbedingungen (Wohnen, Ernährung, Hygiene) zu suchen sind.

Wir brauchen also einen Paradigmenwechsel, der den Fokus auf die gesellschaftlichen Verhältnisse richtet und an die erste Stelle der Gesundheitspolitik die Schaffung gesundheitsförderlicher Lebens- und Arbeitsbedingungen setzt.

Nicht die Medizin als solche verurteilten unsere Vorfahren, sondern den Arztberuf, und vor allem stießen sie sich daran, dass er als Lohngewerbe zum Lebensunterhalt ausgeübt wurde.
Plinius der Ältere

Fünf
Und da wären wir an einem entscheidenden Punkt. Denn eine solche Gesundheitspolitik ist nur als eine gesamtgesellschaftliche, das heißt öffentliche, denkbar. Unser öffentliches Gesundheitswesen, soweit überhaupt noch existent, fristet eine Randexistenz und erschöpft sich zum größten Teil in der Wahrnehmung von (völlig unzureichenden) Kontrollfunktionen betreffend den Rest des zunehmend privatisierten Medizinkonglomerats, das sich Gesundheitswesen nennt. Eine wirkliche öffentliche Gesundheitspolitik setzt voraus, dass zunächst eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber geführt wird, worauf der Schwerpunkt des Mitteleinsatzes zu legen ist, statt geschäftstüchtigen privaten Anbietern oder „unabhängigen“ Forschern an den Universitäten unter dem Vorwand der „Freiheit der Wissenschaft“ es zu überlassen, die angeblichen Prioritäten und Notwendigkeiten zu definieren.

Das heißt konkret, dass der gesamte Bereich der Gesundheitspolitik aus der Profitsphäre herausgenommen werden muss. Nur so kann vermieden werden, dass, wie derzeit die Regel, Entscheidungen für oder gegen die Forschung auf bestimmten Gebieten ausschließlich nach Profitinteresse getroffen werden. Die Frage, auf welchem Gebiet der Forschung und Anwendung die vorhandenen Mittel eingesetzt, bzw. in welchem Umfang der gesellschaftliche Reichtum überhaupt dafür verwendet werden soll, ist statt wie bisher dem Gesetz von Angebot und Nachfrage dem Ergebnis eines kollektiven demokratischen Konsensbildungsprozess zu unterwerfen, dessen Basis das Prinzip des größtmöglichsten Nutzens für die größtmögliche Zahl von Menschen sein muss. Das heißt aber auch, dass alle Komponenten des heutigen medizinisch-industriellen Komplexes entprivatisiert werden müssen. Universitäre wie private Forschung, die Produktion von medizinischen Gütern wie Pharmazeutika, Instrumente, Geräte, Implantate, Heil- und Hilfsmittel, ambulante wie stationäre Behandlungseinrichtungen zur Krankenversorgung müssen in öffentliche Hand überführt werden.



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