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Grundrisse einer alternativen Gesundheitspolitik | Drucken |  E-Mail
Thadeus Pato   
13.02.2006

Zum Beginn
Der folgende Text soll versuchen, skizzenhaft die Grundzüge eines möglichen postkapitalistischen Systems des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit zu formulieren. Der Autor ist sich dabei wohl bewusst, dass er, wie alle, dem Diktum von Karl Marx unterliegt, nach dem das herrschende Bewusstsein das der herrschenden ist. Folglich kann es so oder auch ganz anders kommen und es wäre sogar zu hoffen, dass ein zukünftiges Gesundheitssystem, das diesen Namen auch verdient, so weit weg vom heutigen wäre, dass es für uns nicht vorstellbar ist. Nichtsdestotrotz enthebt uns das nicht der Verpflichtung, unsere manchmal sehr allgemeinen Zukunftsvisionen so weit es geht zu konkretisieren. In diesem Sinne ist der vorliegende Essay ein Versuch, der zur weiteren Diskussion anregen soll und sollte nicht als programmatische Äußerung missverstanden werden.

 

Die Medizin besteht aus drei Komponenten:
Erhalten, Verhüten und Heilen
Ausonius

Eins
Bei den vielen Diskussionen, die ich in den letzten Jahrzehnten mit den verschiedensten Menschen zur Frage eines zukünftigen Gesundheitswesens geführt habe, bin ich immer wieder auf die gleiche Schwierigkeit gestoßen. Und zwar die, die sich daraus ergibt, dass selbst sehr (medizin)kritische Geister, ja, selbst marxistisch geschulte Individuen, sich sehr schlecht von dem herrschenden Bewusstsein, in diesem Fall konkret von der Grundvorstellung eines Gesundheitswesens lösen können, wie wir es „gewohnt“ sind.

Wie tief diese Vorstellungen verankert sind, konnte man in den so genannten realsozialistischen Gesellschaften beobachten, die zwar teilweise die Erscheinungsform, nicht jedoch das Wesen der tradierten Systeme änderten und das Ergebnis dieser Änderungen dann als sozialistisches Gesundheitswesen missverstanden.  Darum gilt es zunächst einmal festzustellen, was die grundlegenden Schwachpunkte des vorherrschenden Systems der Krankenversorgung und – soweit vorhanden – die der Krankheitsvorsorge sind, um von diesem Punkt aus etwas Neues entwickeln zu können.

Die Ärzte glauben, ihrem Patienten
sehr viel genützt zu haben, wenn sie
seiner Krankheit einen Namen geben.
Immanuel Kant

Zwei
In erster Linie handelt es sich bei dem heutigen so genannten Gesundheitssystem um einen veritablen Etikettenschwindel. Medizin, wie sie weltweit stattfindet, geht nicht vom Gesundheits-, sondern vom Krankheitsbegriff aus. Die konstituierende Wissenschaft im herrschenden Medizinsystem ist die Pathologie – die Lehre von den Krankheiten. Entsprechend konzentriert sich die Forschung auch auf die Ätiologie  und Pathogenese  von Erkrankungen, deren Definition und schlussendlich deren Diagnostik und Behandlung, allerhöchstens noch ihre Früherkennung. Die eigentlich viel wesentlichere und im Sinne einer wirklichen Gesundheitspolitik Ziel führende Frage nach der Herkunft der Krankheit und Aufrechterhaltung von Gesundheit wird erst seit kurzem gestellt, nämlich im Konzept der Salutogenese, aber diese Fragestellung ist bisher mitnichten ins Bewusstsein der Medizinprofessionellen vorgedrungen. Wir können festhalten: Im heutigen Gesundheitssystem ist von Gesundheit sehr wenig, von Krankheit sehr viel die Rede. Dass die Frage, wer gesund und wer krank ist, dann auch noch über teilweise recht willkürlich gesetzte Normvorgaben beantwortet wird, soll hier nur kurz angemerkt werden. Auf diesen Punkt werden wir noch zurückkommen.

Unser Gesundheits-, oder, wie der Soziologe Niklas Luhmann schreibt, Krankenbehandlungssystem, ist eigentlich noch nicht einmal das letztere, sondern meist ein Krankheitsbehandlungssystem – im Vordergrund steht weder der gesunde noch der kranke Mensch, sondern eine Krankheit, die von den Medizinprofessionellen meistens von der Gesamtperson abstrahiert diagnostiziert und behandelt wird.

Und da wären wir beim nächsten Stichwort. Die Entscheidung, was als gesund, und was als krank zu betrachten ist, trifft schon längst nicht mehr der oder die Betroffene. In den letzten 200 Jahren hat sich ein schleichender Prozess abgespielt, der dazu geführt hat, dass den Menschen langsam aber systematisch die Kompetenz, über gesund oder krank selbst entscheiden zu können, genommen und auf eine Heerschar von Professionellen verlagert wurde, die eine Geheimsprache sprechen, über einen immensen technischen und wissenschaftlichen Apparat verfügen und deren Wort in Sachen Gesundheit und Krankheit Gesetz ist. Diesen Prozess nennt man gemeinhin Medikalisierung.

Das Interessante ist, dass selbst bei den schärfsten Medizinkritikern generell die Existenzberechtigung dieser Kaste von Wissenden nicht in Frage gestellt wird. Dabei gäbe es Anlass genug, an deren Allwissenheit und -macht zu zweifeln.

Nun bekommt man auf diese Feststellung immer wieder das Argument zu hören, es bedürfe ja schließlich eines nicht allgemein verfügbaren Spezialwissens, um als Medizinprofessionelle/r tätig sein zu können, und die Vorstellung vom mündigen Patienten sei insofern eine Fiktion, als eine „Waffengleichheit“ nicht herstellbar sei.

Daran ist etwas Wahres, allerdings nur insofern, als es sich um den kleinen Teil von Gesundheitsproblemen dreht, die die heutige Medizin tatsächlich effektiv zu behandeln versteht. Allerdings ist es ebenso wahr, dass selbst die vorgeblich allwissenden Medizinprofessionellen in den Fällen, die über ihren kleinen Spezialisierungsbereich hinausgehen, nichts anderes tun, als jede/r tun könnte, der des Lesens mächtig ist, nämlich Lehrbuch, Fachzeitschrift o. ä. zu Rate zu ziehen. Mit dem Wissen über eine ganze Reihe von Krankheiten, die sehr verbreitet sind, und mit den Möglichkeiten, sie zu behandeln, ist es außerdem nicht weit her, z. B. beim Gelenkrheumatismus oder bei bestimmten chronischen Nervenerkrankungen. Wissen und Möglichkeiten der behandelnden und diagnostizierenden Medizin werden in der Öffentlichkeit weit überschätzt.

Das soll nun nicht heißen, dass die existierende Medizin überflüssig sei. Aber man sollte sich im Klaren darüber sein, dass das medizinische Wissen immer noch sehr lückenhaft ist, die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt (und teilweise kontraproduktiv) sind und deshalb die Ehrfurcht, die dieser Wissenschaft entgegengebracht wird, unberechtigt ist.



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