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Ernest Mandel:
Einführung in den Marxismus
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Cover: Einführung in den Marxismus
238 Seiten, 10,00 €
ISBN 3-929008-04-1
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Warum eine „andere Wirtschaftspolitik“ nicht greift – Warum wir ein anderes Wirtschaftssystem wollen | Drucken |  E-Mail
Daniel Berger   
13.02.2006

Die Unvermeidlichkeit der Krise im Kapitalismus

Ein Hauptkennzeichen „reformistischer“ Kapitalismuskritik ist die Verkennung (besser: Verdrängung) der Unvermeidbarkeit von Wirtschaftskrisen im Kapitalismus. Um diese strukturell bedingte Unausweichlichkeit zu kaschieren wird aus der Marx’schen Krisentheorie (die Marx zwar nie in geschlossener Form dargelegt hat, die sich aber aus dem „Kapital“, den „Grundrissen“ und den „Theorien über den Mehrwert“ sehr schlüssig ergibt) ein einziger Aspekt herausgegriffen und zwar die „mangelnde Konsumtion“ (die zu geringe Kaufkraft) der Masse der Bevölkerung. Mit dieser Herauslösung und dem Anhängen an die Theorie der Unterkonsumtion treffen sie sich mit den Keynesianern Aber schon mit dem beiden „Schulen“ gemeinsamen Rezept (höhere Kaufkraft und antizyklische Investitions- und Ausgabenpolitik des Staates) wird deutlich, dass sie insgeheim von der Fortexistenz von Zyklen ausgehen. Das Fatale an dieser Theorie und der entsprechend betriebenen Wirtschaftspolitik: Die Krisen sind damit nicht auszuschalten. Nicht nur war die Wirtschaftskrise 1973/74 damit nicht zu vermeiden. Auch das größte keynesianische Wirtschaftsprogramm der vergangenen 60 Jahre, die enormen staatlichen Investitionen in die japanische Wirtschaft über einen Zeitraum von annähernd 12 Jahren (1991–2003) hat die Krise dort über Jahre hinweg nicht mildern können. Wenn die japanische Industrie im Jahr 2005 erstmals wieder nennenswert zulegen konnte, dann ausschließlich aufgrund der Tatsache, dass in den 15 Jahren zuvor so viel Kapital vernichtet wurde, dass ausreichend Konkurrenten weggefallen sind und die Kapitalrendite wieder anziehen kann (ein weiterer Faktor ist die Öffnung des chinesischen Marktes). Die in dieser Zeit massiv weg gebrochenen Arbeitsplätze werden aber auch in Japan nicht mehr neu geschaffen.

Will mensch die Ursachen kapitalistischer Krisen wirklich erfassen, muss mensch die Gesamtheit der Reproduktionsbedingungen des Kapitals im Auge behalten. Zwar hat Marx im dritten Band des Kapitals dargelegt, dass der „letzte Grund aller wirklichen Krisen … die Armut und Konsumentenbeschränkung der Massen“ sei, aber das gilt selbstverständlich nur dann, wenn es sich keine Disproportionen (Ungleichgewichte) in den Sektoren der Wirtschaft entwickeln.

Im zweiten Band des „Kapitals“ legt Marx penibel dar , dass diese Disproportionen gerade aufgrund der anarchisch funktionierenden Wirtschaft (also aufgrund der unabhängig von einander durch die Einzelkapitale getroffenen Entscheidungen, mit andere Worten aufgrund eines nicht gesamtgesellschaftlich festgelegten Plans) zwangsläufig sich ergeben und zwar aus mehreren Gründen:

Aufgrund ständig sich ändernder Wertbestimmungen (also der Dynamik der Wertbildung, die gerade nicht in allen Branchen und erst Recht nicht für alle Waren im Gleichschritt geschieht) ändert sich das Wertverhältnis von Waren zu einander. Das wirkt sich vor allem auf das Verhältnis der beiden Abteilungen I und II zu einander aus . Hinzu kommt, dass die Konsumausgaben der Ware Arbeitskraft unbestimmt sind und dass die Arbeitskraft nur eine dieser Konsumenten ist. Hierzu zählen nämlich noch: der staatliche Sektor, der vom Kapital nicht produktiv verausgabte Anteil des Mehrwerts (also m-alpha) die Schwankungen, die sich aus dem internationalen Markt ergeben usw.
Die Ursache für diese ungleiche Wertentwicklung (und damit das ständige Verschieben der Relationen der Warenwerte zu einander) ist die sich ständig ändernde technische Grundlage (also die unterschiedlich steigende Produktivität). Der Wert aller Waren (in seiner Eigenschaft als gesellschaftliche Größe) unterliegt damit ständigen Veränderungen.

Eine allseitig wirkende Harmonie der Entwicklung von Produktion (innerhalb der verschiedenen Abteilungen und zwischen ihnen) und Konsumtion, also ein Gleichgewicht des Prozesses der erweiterten Reproduktion, setzt auch voraus, dass die Waren zu dem Preis verkauft werden, der dem Wert zum Zeitpunkt ihrer Herstellung entspricht. Die ständig sich weiter entwickelnde Technik hat aber zur Folge, dass der Wert dieser Waren sinkt. Krisen sind also nicht nur ein Kapitalbereinigungsmittel (Vernichtung von nicht mehr verwertbarem konstantem Kapital), sondern auch ein – bisweilen heftig wirkender – Mechanismus zur Anpassung der Preise an die sinkenden (bzw. gesunkenen) Warenwerte.

Die Disproportionen sind also nicht nur eine Folge unterschiedlicher Produktivitätsentwicklungen zwischen den Abteilungen, sondern ergeben sich aus der dem Kapital eigenen Tendenz, Kosten einzusparen und deswegen die Produktivität des eingesetzten Kapitals zu erhöhen (vor allem, aber nicht nur über technische Rationalisierungen)

Hinzu kommt, dass die letzten Konsumenten gerade nicht ständig an Kaufkraft gewinnen, denn genau das würde ja den Interessen des Einzelkapitals widersprechen, das genau diese Ebene auch als einen Kostenfaktor ansieht, ein Faktor also, der sich auf die Höhe des eigenen Profits auswirkt.

Was zudem Reformisten hartnäckig verdrängen: Nicht alle zum Verkauf angebotenen Waren sind Konsumgüter (und können von der Masse der Lohnabhängigen gekauft werden). Ein sehr bedeutender Teil der hergestellten (oder aufgrund vorhandener Kapazitäten – also investierter Mittel – herstellbaren) Waren sind Produktionsmittel (für die Abteilung I oder für die Abteilung II). Eine Steigerung der Massenkaufkraft behebt noch lange nicht die Absatzschwierigkeiten, die genauso periodisch die Abteilung I treffen. Mit anderen Worten: Auch Nicht-Marxisten dürfte eigentlich nicht verborgen geblieben sein, dass der kapitalistische Wirtschaftszyklus in einem engen Verhältnis zur diskontinuierlichen Erneuerung des fixen Kapitals steht.

Und schließlich dürfen wir einen zentralen Aspekt kapitalistischer Funktionsweise nicht vergessen: Wird die Massenkaufkraft sehr stark angehoben, beeinträchtigt dies ganz selbstverständlich die Profitrate. Sinkende Profitraten wiederum führen zu sinkenden Investitionen und zum Ausbruch der Krise an einer anderen Stelle.
So hat bekanntlich die keynesianische Politik nicht etwa Krisen verhindert, sondern meist nur den konkreten „Anstoß“modifiziert (in den seltensten Fällen ihre konkrete Verlaufsform erkennbar oder nachweisbar beeinflusst).

Fassen wir an dieser Stelle mit den Worten Ernest Mandels die grundlegenden Ursachen der periodisch sich vollziehenden Überproduktionskrisen zusammen:

Diese Ursachen sind „gleichzeitig das unvermeidliche periodische Sinken der Profitrate, die kapitalistische Anarchie der Produktion, und die Unmöglichkeit, im Kapitalismus die Massenkonsumtion in Übereinstimmung mit dem Wachstum der Produktivkräfte zu entwickeln.“
Ja, den Sozialismus!
Aus all dem Vorgenannten ergibt sich, dass zur Lösung eines der größten Menschheitsprobleme, nämlich der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die ungleichen Einkommensverteilung, das aus dem Kapitalismus resultierende tagtägliche Elend wie auch die periodisch sich entwickelnden Wirtschaftskrisen (von all den anderen Übeln ganz zu schweigen) nur über die Durchsetzung eines radikal anderen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems möglich ist. Den Sozialismus wirklich zu wollen (schon hier unterscheiden wir uns ganz offensichtlich vom Reformismus jeglicher Spielart) bedeutet nach unserer Auffassung auch, dass sowohl die „geistige Kühnheit“ aufgebracht werden muss, tatsächlich über den Kapitalismus hinaus zu denken (und nicht im Diffusen zu verharren), als auch der Mut, sich  wirklich, auch im Kampf (sprich im Klassenkampf) dafür einzusetzen.

An dieser Stelle wollen wir nicht unsere Vorstellungen eines Übergangsprogramms darlegen, dazu verweisen wir auf die klassischen Schriften unsrer Bewegung . Es sollen lediglich beispielhaft einige Maßnahmen aufgeführt werden, für die es sich zu kämpfen lohnt und die in ihrer Konsequenz auf die Machtfrage hinauslaufen.

Zu einem wirtschaftssystemischen Sofortprogramm (eine Wortschöpfung, um deutlich zu machen, dass dabei auf ein anderes Wirtschaftssystem gezielt wird) können gehören:

1. Die Arbeit wird auf alle verteilt. Dies geschieht an Hand eines von der gesamten Gesellschaft demokratisch erstellten Gesamtrahmenplans.

2. Jeder und Jede erhält tatsächlich das Durchschnittseinkommen (also: Für totale Gleichmacherei!).  Es ist durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass es in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung beim Einkommen (bei den für die Einzelnen zur Verfügung stehenden Mitteln, denn Geld wird seine Bedeutung verlieren, bzw. nach einer gewissen Zeit weitestgehend oder ganz verschwinden) Abschläge für diejenigen geben wird, die zwar arbeiten könnten, es aber nicht wollen. Dies ist aber nicht zu verwechseln mit der heute unter Hartz IV bestehenden Zwangsarbeit, denn in jedem Fall ist für alle in der Gesellschaft die Existenz auf einem menschenwürdigen Niveau zu sichern, so dass eine tatsächliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben möglich ist.

3.
Die Menschen sind auf allen Ebenen an den für sie relevanten Entscheidungen real zu beteiligen. Auf den Ebenen, die über den Stadtteil oder die Stadt hinausgehen ist dies mit Hilfe eines Delegiertensystems sicherzustellen. Alle Delegierten müssen unmittelbar abwählbar sein, wenn sie Entscheidungen getroffen haben, mit denen die „Beauftragenden“ nicht einverstanden sind. (s. die Resolution zur „Sozialistischen Demokratie“ in diesem Heft)

4. Die Bildungseinrichtungen werden ausgebaut und es steht für alle ab dem Kleinkindesalter eine ganztägige Betreuung und Förderung zur Verfügung. Da es keine Einkommensunterschiede gibt, ist der Zugang zu Bildungseinrichtungen nicht von der sozialen Stellung abhängig. Alle Bildungswege und -einrichtungen sind für die Nutzer kostenfrei. Es gibt keine Getto-Schulen mehr. Gemeinsames Lernen ist angesagt, genauso wie die Wohnviertel bewusst durchmischt werden und es auch keine Wohngettos für ausländische Mitmenschen mehr gibt.

5. Die ärztliche und medizinische Betreuung und Versorgung ist für die Menschen kostenfrei.

Faktisch ist dieses „Kurzprogramm“ nicht nur ein Programm für eine andere Wirtschaftsordnung, sondern erfordert auch, bzw. bewirkt auch eine „Revolution des Zusammenlebens der Menschen“. Ist es deswegen nur als ein Ergebnis nach der „Machtübernahme“ anzusehen? Ja und Nein.

Ohne eine große klassenpolitische Konfrontation ist ein solches Programm nicht konkretisierbar und seine Umsetzung ist erst vorstellbar, wenn sich die ArbeiterInnenklasse wirklich durchgesetzt hat; daran besteht sicherlich nicht der geringste Zweifel, denn die Herrschenden (das Kapital und alle sonstigen Besitzenden) haben sehr viel zu verlieren. Aber die Zielrichtung unsrer tagtäglichen Arbeit muss so ausgerichtet sein, dass sie diesen langfristigen, historischen Zielen nicht zuwiderläuft, ihnen nicht ideologisch das Wasser abgräbt bzw. der von uns angestrebten Logik widerspricht. Deswegen ist es auch in der tagtäglichen Auseinadersetzung im Betrieb oder bei Tarifrunden äußerst schädlich, wenn wir dort mit den Argumenten der „Marktwirtschaft“ operieren. Wir machen uns dann nicht nur unglaubwürdig, wenn es um die Propagierung langfristiger Ziele geht. Gerade die Gewerkschaftsbürokratie macht es uns ständig vor, wie schnell mensch sich schon bei den geringsten Anlässen in Widersprüche verwickeln kann.

Wer zur Entwicklung eines politischen Klassenbewusstseins beitragen will, muss vor allem eine in sich schlüssige Gesamtperspektive anbieten können und darf sich nicht in Widersprüchen verfangen. Tragen wir mit der Ausarbeitung unsrer Perspektiven und unsrer Analysen und programmatischen Vorschläge zur politischen Klärung und zur Mobilisierung bei, selbstverständlich auch indem wir uns an den Kämpfen beteiligen. Eine wichtigere Aufgabe gibt es nicht.



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