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Rezension: Leo Trotzki: Sozialismus oder Barbarei! | Drucken |  E-Mail
J.A.   
01.02.2006

Endlich ist wieder (neben der großen, auf 10 Bände geplanten Auswahl-Ausgabe - von der allerdings erst 3 Bände in bisher 7 Teilbänden erschienen sind) eine kleine Trotzki-Auswahl greifbar, die zudem zwei bisher auf deutsch nicht vorliegende Artikel Trotzkis „Die Gefahr der Ausrottung des jüdischen Volkes“ vom 22.12.1938 und „Für Herschel Grynszpan!“ vom 30.1.1939 enthält.

Wie der angesehene Holocaust-Forscher Yehuda Bauer einmal schrieb, vermochte niemand die Ausrottung der Juden und Jüdinnen vorherzusehen. Der Artikel „Die Gefahr der Ausrottung des jüdischen Volkes“ zeigt jedoch: Es gab durchaus jemanden, der das vermochte, nämlich Trotzki, der am 22.12.1938 schrieb: „Auch ohne Krieg ist es so gut wie sicher, dass die nächste Welle der weltweiten Reaktion die physische Ausrottung der Juden [kursiv im Original!] mit sich bringen wird.“
Solidaritätserklärung
Trotzkis Artikel „Für Herschel Grynszpan!“ ist eine moralische Solidaritätserklärung mit dem 16-jährigen polnischen Juden Grynszpan, der am 7.11.1938 in deutschen Botschaft in Paris den Legationssekretär Ernst vom Rath mit mehreren Schüssen tödlich verletzt hatte, um auf die Untaten der Nazis aufmerksam zu machen. Die Nazis nutzen den Vorfall (Goebbels: „Das Judentum hat in Paris auf das deutsche Volk geschossen.“) und organisierten am 9./10.November 1938 die sogenannte „Reichskristallnacht“, der etwa 90 deutsche Juden und Jüdinnen zum Opfer fielen und 30 000 in KZs verschleppt wurden.

Trotzki: „Moralisch - wenn auch nicht hinsichtlich der Art seines Handelns - kann jeder junge Revolutionär sich an Grynszpan ein Beispiel nehmen. Unsere moralische Solidarität mit Grynszpan gibt uns ein zusätzliches Recht, all den anderen möglichen Grynszpans, all denen, die imstande sind, sich im Kampf gegen Despotismus und Barbarei aufzuopfern, zu sagen: Sucht einen anderen Weg! Nicht ein auf sich gestellter Rächer, sondern nur eine große revolutionäre Massenbewegung ist imstande, die Unterdrückten zu befreien.“
Der neue Trotzki-Auswahl-Band ist in 3 Teile gegliedert:
Im Kapitel I „Historische und politische Analysen“ sind abgedruckt Texte über „Nation und Weltwirtschaft“ (1933), „Ungleichmäßige und kombinierte Entwicklung“ (1931), „Perspektiven der russischen Revolution“ (1906), „Oktoberrevolution“ (1932, mit fehlerhafter Quellenangabe), „Jakobinismus und Sozialdemokratie“ (1904), „Ziele und Mittel“ (1938), „Kapitalismus oder Sozialismus?“ (1925) und „Was bedeutet ´Permanente Revolution?´“(1930).
In dem Text-Auszug „Jakobinismus und Sozialdemokratie“ aus „Unsere politischen Aufgaben“ von 1904 verteidigt Trotzki die innerparteiliche und die ArbeiterInnendemokratie gegen das Leninsche Parteikonzept, in dem er „eine ernsthafte Gefahr“ sieht, nämlich die Gefahr der „Ersetzung der Diktatur des Proletariats durch die Diktatur über das Proletariat, der politischen Herrschaft der Klasse durch die organisatorische Herrschaft über die Klasse.“
Im Kapitel II „Faschismus und Stalinismus“ sind abgedruckt Texte über „Die österreichische Krise, die Sozialdemokratie und der Kommunismus“ (1929, leider fast ganz ohne den historischen Hintergrund verständlich machende Hinweise), „Bourgeoisie, Kleinbürgertum und Proletariat“ (1932), „Arbeiter-Einheitsfront gegen die Faschisten!“ (1931), „Ein Sieg Hitlers bedeutet: Krieg gegen die UdSSR“ (1932), „Thälmann und die ´Volksrevolution´“(1931), „Porträt des Nationalsozialismus“ (1933), „Der Danziger Trotzkisten-Prozess“ (1937), „Rosa Luxemburg und die IV. Internationale“ (1935), „Stalins Verbrechen“ (1937), „Eine Offensive gegen den Stalinismus!“ (1937), die beiden erstmals auf deutsch erschienenen Artikel „Die Gefahr der Ausrottung des jüdischen Volkes“ (1938), „Für Herschel Grynszpan!“ (1939) und „Das Zwillingsgestirn Hitler-Stalin“ (1939).
Kampfbündnis gegen Nazis
In dem Artikel „Arbeiter-Einheitsfront gegen die Faschisten!“ von 1931 ruft Trotzki die kommunistischen ArbeiterInnen auf, gegen die Nazis ein Kampfbündnis mit den sozialdemokratischen ArbeiterInnen einzugehen:
„Getrennt marschieren, vereint schlagen! Sich nur darüber verständigen, wie zu schlagen, wen zu schlagen und wann zu schlagen! Darüber kann man mit dem Teufel selbst sich verständigen, mit seiner Großmutter und sogar mit Noske [der „Bluthund“ der SPD, der den Spartakus-Aufstand von 1919 durch Regierungstruppen und Freikorps niederwerfen ließ) und Grzesinsky [sozialdemokratischer Polizeipräsident von Berlin, der am 1. Mai 1929 auf demonstrierende ArbeiterInnen schießen ließ]. Unter einer Bedingung: Man darf sich nicht die eigenen Hände binden!“

In dem Text-Auszug „Stalins Verbrechen“ vom 16. November 1937 heißt es u.a.: „Niemand, Hitler inbegriffen, hat dem Sozialismus so tödliche Schläge versetzt wie Stalin. Es ist auch nicht verwunderlich: Hitler hat die Arbeiterorganisationen von außen attackiert, Stalin - von innen. Hitler attackiert den Marxismus. Stalin attackiert ihn nicht nur, sondern prostituiert ihn auch. Es ist nicht ein ungeschändetes Prinzip, nicht eine unbefleckte Idee übriggeblieben..... Die Kaserne der GPU ist nicht das Ideal, für das die Arbeiterklasse kämpft.“
Schließlich Kapitel III, das kürzeste: „Perspektiven des Sozialismus“, enthält Texte über „Kunst und Revolution“ (1938), „Die Gesellschaft der Zukunft“ (1923), „Falls die Revolution ausbleibt“ (1939) und „Vom Minimal- und zum Maximalprogramm“ (1938).

Im Text „Vom Minimal- zum Maximalprogramm“ - einem Auszug aus dem trotzkistischen „Übergangsprogramm“ von 1938 - geht es um die Überwindung des „Widerspruch(s) zwischen der Reife der objektiven Bedingungen für die Revolution und der Unreife des Proletariats und seiner Avantgarde (Verwirrung und Enttäuschung bei der älteren Generation, mangelnde Erfahrung bei der jüngeren)“ und um die Notwendigkeit eines „Systems von Übergangsforderungen [...], die von den heutigen Bedingungen und dem heutigen Bewusstsein der breiten Schichten der Arbeiterklasse ausgehen und unweigerlich zu ein und demselben Resultat führen: zur Eroberung der Macht durch das Proletariat.“

Schade ist, dass in der Auswahl kein Text mit Übergangsforderungen abgedruckt ist. Etwa der Abschnitt über die „gleitende Lohnskala und gleitende Skala der Arbeitszeit“ aus dem trotzkistischen „Übergangsprogramm“ von 1938.
Der zentrale - und titelgebende - Gedanke Trotzkis in vielen der in der Auswahl abgedruckten Analysen ist, „dass der einzige Ausweg für die Menschheit die internationale sozialistische Revolution ist. Ihre Alternative ist der Rückfall in die Barbarei.“
Was dieser kleine Auswahl-Band zeigt: Der revolutionäre Marxismus Trotzkis ist keineswegs ein alter Hut, keineswegs ein toter Hund. Im Unterschied zu den heutigen Sozialwissenschaften, die über aktuelle Entwicklungen der Gegenwart und über die nächsten Zukunft nicht mehr orientieren, ist der revolutionäre Marxismus Trotzkis eine Hilfe und Orientierung für Alle, die die entscheidenden Probleme der Gegenwart verstehen und vernünftige Lösungen für sie erkämpfen wollen - immer noch die Beste, die zur Verfügung steht.

 

TiPP!
Leo Trotzki: Sozialismus oder Barbarei!
Eine Auswahl aus seinen Schriften. Herausgeber Helmut Dahmer. 175 Seiten. Promedia Verlag, Wien 2005, Preis: 12,90 Euro
 

 

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