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Seite 7 von 7 1 Die »unbewilligte Vergangenheit« steht im Zusammenhang mit der Tatsache, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Machtergreifung des Faschismus ermöglichten, in der BRD noch immer vorhanden sind. Es ist also unmöglich, den Wurzeln der faschistischen Barbarei auf den Grund zu gehen, ohne diesen Kausalzusammenhang bloßzustellen. Und insofern die restaurierte Herrschaft des westdeutschen Kapitals eine Klassenherrschaft darstellt, ist es kaum denkbar, daß diese Entlarvung Hoch- und Mittelschulunterricht beherrschen würde. Da man die Vergangenheit nicht erschöpfend erklären kann (oder will), kann man sie auch nicht »bewältigen«. - Wolfgang Fritz Haug u.a. haben in dem Aufsatz »Ideologische Komponenten in den Theorien über den Faschismus« überzeugend nachgewiesen, wie der Versuch einer massenpsychologischen Erklärung des Faschismusphänomens dazu führt, zu behaupten, »der Anspruch der Massen auf das traditionelle Privileg der Besitzenden: Aufgeklärtheit und irdisches Glück, habe die totalitären Tendenzen entbunden«. Er kommt so richtig zu dem Schluß, daß diese apologetische Theorie »das unterdrückte Triebleben und die gesellschaftlich unterdrückten Schwächeren für die Unterdrückung verantwortlich (macht), die es so rehabilitiert« (»Das Argument«, Nr. 33, Mai 1965). Im selben Heft findet sich eine gute (unvollständige) Bibliographie zur Faschismustheorie. 2 Vgl. die jüngsten Neuerscheinungen auf diesem Gebiet, wie Ernst Noltes mehr als 500seitiges Werk »Theorien über den Faschismus«, Köln-Berlin (Kiepenheuer & Witsch) 1967; Wolfgang Abendroth, »Faschismus und Kapitalismus«, Frankfurt (Europäische Verlagsanstalt) 1967: eine Sammlung von Texten von A. Thalheimer, O. Bauer, H. Marcuse, A. Rosenberg und Angelo Tasca über das Wesen des Faschismus; »International Fascism«, New York (Harper Torchbooks) 1966: eine Sammlung von Aufsätzen über den Faschismus; u.a. 3 Einen, guten überblick Ober die sogenannte »Totalitarismustheorie« bietet der Sammelband »Wege der Totalitarismus-Forschung«, hg. von Bruno Seidel und Siegfried Jenkner, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 1968, vor allem die Aufsätze von Hannah Arendt, A. R. L. Gurland und Zbigniew Brzezinski. Es wäre interessant, die auf- und absteigenden Wogen der Popularität dieser Theorie im Westen mit den auf- und absteigenden Wellen des Kalten Krieges zu vergleichen. Man wäre durch die sofort sichtbare Korrelation nicht nur auf lange Sicht, sondern in eng konjunkturellem Ausmaß (etwa vom Ostberliner Mauerbau bis zur Kuba-Krise von 1962 als konjunkturellem Aufschwung) überrascht. Die in entgegengesetztem Sinne wirkende »Konvergenztheorie« wäre einer ähnlichen Untersuchung zu unterwerfen. 4 Die Auswirkungen der Hitlerschen Machtergreifung auf die Stabilisierung der Stalinherrschaft in der UdSSR und die extremsten Formen der bürokratischen Entartung dieses Staatsgebildes, die langfristigen Auswirkungen der Wechselwirkung Faschismus-Stalinismus auf die Entwicklung der westdeutschen Arbeiterbewegung und auf die Bedingungen, unter denen der Aufbau des Sozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Osteuropa begonnen werden mußte, müßten in diese Bilanz mit einbezogen werden. 5 Siehe z.B. die Diskussion zwischen Tim Mason und Eberhard Czichon in den Heften Nr. 41 und 47 der Berliner Zeitschrift »Das Argument« (Dez. 1966 und Juli 1968). Leider begehen mechanistische Marxisten parallele Fehler. Wir kommen darauf im weiteren noch zurück. 6 Siehe Arthur Schweitzer, Big Business in the Third Reich, Bloomington (Indiana University Press) 1964. Tim Mason (a.a.O.) stützt sich auf dasselbe Konzept, das u.a. von Czichon, Dietrich Eichholz und Kurt Gossweiler scharf zurückgewiesen wird. Ein typisches Beispiel des bürgerlichen Versuchs, den Nazistaat als rein politisches Machtgebilde (bei völliger Unterordnung der entmachteten« Wirtschaft) hinzustellen, gibt David Schoenbaum, Die braune Revolution, Köln (Kiepenheuer u. Witsch) 1968. 7 Siehe dazu Franz Neumann, Behemoth - The Structure and Practice of National Socialism 19331944, New York (Octagon Books, Inc.) 1963. 8 Über die ökonomischen Triebkräfte des Militarismus im Zeitalter des Imperialismus bleibt das letzte Kapitel von Rosa Luxemburgs »Die Akkumulation des Kapitals« die klassische Vorstudie. Für neuere Untersuchungen, vor allem des deutschen und amerikanischen Imperialismus siehe u.a. Fred J. Cook, Juggernaut, The Warfare State, Sondernummer der amerikanischen Zeitschrift »The Nation«, 20. Oktober 1951; das 7. Kapitel des Buches von Baran-Sweezy, Monopolkapital, Frankfurt (Suhrkamp) 1967; George F. W. Hallgarten, Hitler, Reichswehr und Industrie, Frankfurt (Europäische Verlagsanstalt) 1955 und die Arbeiten von Harry Magdoff, erschienen in der Zeitschrift »Monthly Review«. 9 Siehe u.a. Georg Thomas, Geschichte der deutschen Wehr- und Rüstungswirtschaft (19181943/45). Hg. von Wolfgang Birkenfeld, Boppard a. Rh. (Boldt) 1966. 10 Die wachsende Entakkumulierung (Zerstörung von Kapital), die eine sich steigernde Kriegswirtschaft von einem bestimmten Punkt ab mit sich bringt, haben wir mit dem Begriff »rückläufige Reproduktion« zu umschreiben versucht (siehe Ernest Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Kapitel 10, Frankfurt Suhrkamp 1968). Beispiele aus Großbritannien und vor allem Japan ergeben, daß es sich keineswegs um nur für den Faschismus typische Prozesse handelt. Der »rationale« Kern dieser Irrationalität liegt darin, daß man imperialistische (wie alle) Kriege bekanntlich mit dem Ziel führt, sie zu gewinnen, und daß die in bestimmten Grenzen berechtigte Hoffnung besteht, man könne alle Kapitalverluste auf Kosten des geschlagenen Gegners mehr als kompensieren. 11 Ernst Nolte, a.a.O. S.38, 54, usw.; Leo Trotzki, Porträt des Nationalsozialismus (Text Nr. 48 in diesem Bande). 12 Ernst Nolte, a.a.O. S.21. 13 Siehe solche Versuche u.a. bei Prof. René Rémond, La Droite en France de 1815 à nos jours, Paris 1954 und Jean Plumyène und Raymond Lasierra, Les fascismes français 19231963, Paris (Editions Le Seuil) 1963, die diese These für Frankreich vertreten. In dem von Walter Laqueur und George L. Mosse herausgegebenen Sammelband »International Fascism 19201945« vertritt Eugen Weber eine ähnliche These (S. 105, 123 und passim). Hingegen arbeitete Daniel Guérin (»Fascism and Big Business«, New York, Pioneer Publishers) schon 1938 die grundlegend gemeinsamen Züge des deutschen und italienischen Faschismus - trotz ihrer nationalen Besonderheiten - heraus. 14 Die der Machtergreifung und der schrittweisen Ausdehnung antisemitischer Maßnahmen Hitlers folgenden geringen Verschiebungen der Eigentumsverhältnisse im Dritten Reich sind genügender Beweis dafür, wie sehr die These des »jüdischen Großkapitals« einer Legende entspricht. Dasselbe gilt heute auch für die USA (siehe u.a. Ferdinand Lundberg, The Rich and the Super-Rich, New York (Lyle Stuart) 1968, S. 297306. 15 Die ersten diesbezüglichen marxistischen Theorien stammen von Otto Bauer (»Zwischen zwei Weltkriegen?«, Bratislava (Eugen Prager Verlag) 1936, S. 136 f.) und Daniel Guérin (»Fascisme et grand capital«, Paris 1938, S. 27-49 der Ausgabe von 1945, Paris, Librairie Gallimard). 16 Ernst Nolte, a.a.0. S. 54. 17 Charles Bettelheim, L'économie allemande sous le nazisme, Paris (Rivière) 1946, S. 212 f. 18 Man ist immer wieder über den eigentümlichen Gedächtnisschwund bürgerlicher Ideologen in bezug auf die jüngere Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft erstaunt. In den zwei Jahrhunderten seit der 1. industriellen Revolution wechselten die Staatsformen in Westeuropa zwischen aristokratischer Monarchie, plebiszitärem Cäsarismus, konservativ-liberalem Parlamentarismus (mit einem auf etwa 10%, manchmal sogar weniger als 5% der Bevölkerung beschränkten Wahlrecht) und ausgesprochener Autokratie, je nach dem Land, dessen politische Entwicklung man studiert. Bürgerliche Demokratie parlamentarischen Musters mit allgemeinem, gleichem Wahlrecht für alle ist praktisch überall - mit Ausnahme einer kurzen Phase während der großen französischen Revolution - ein Produkt des Kampfes der Arbeiterbewegung und nicht des liberalen Bürgertums gewesen. 19 »Ökonomische Macht bedeutet zugleich politische Macht. Die Herrschaft über die Wirtschaft gibt zugleich die Verfügung über die Machtmittel der Staatsgewalt. Je stärker die Konzentration in der wirtschaftlichen Sphäre, desto unumschränkter die Beherrschung des Staates. Diese straffe Zusammenfassung aller Machtmittel des Staates erscheint als seine höchste Machtentfaltung, der Staat als unüberwindliches Instrument der Aufrechterhaltung der ökonomischen Herrschaft... Das Finanzkapital in seiner Vollendung bedeutet die höchste Stufe ökonomischer und politischer Machtvollkommenheit in der Hand der Kapitaloligarchie. Es vollendet die Diktatur der Kapitalmagnaten«. Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital (verfaßt im Jahre 1909). Hier zitiert nach der Ausgabe von 1923, Wien (Verlag der Wiener Volksbuchhandlung) S. 476 f. 20 Dies führte Hilferding am Ende seines Lebens und am Vorabend seines tragischen Todes zu dem Trugschluß, Nazi-Deutschland sei keine kapitalistische Gesellschaft mehr, sondern die Macht gehört dort einer totalitären Bürokratie, einem Trugschluß, der zeitlich mit der Burnhamschen These vom »Manager-Zeitalter« zusammenfällt. 21 Es handelt sich jedoch immer um eine bestimmte Form von Demagogie, die nur bestimmte Formen des Kapitalismus angreift (»Zinsknechtschaft«, Warenhäuser, »raffendes« im Gegensatz zum »schaffenden« Kapital usw.); Privateigentum als solches oder Unternehmerherrschaft im Betrieb werden nie in Frage gestellt. 22 Ist dies nicht der Fall und behalten die Werktätigen ihre Kampfkraft und ihren Kampfwillen, so kann der Versuch einer faschistischen Machtergrei fung zum Auftakt eines großartigen revolutionären Aufschwungs werden. In Spanien wurde der faschistische Militärputsch im Juli 1936 mit einem revolutionären Aufstand der Arbeiterschaft beantwortet, der in wenigen Tagen den Faschisten in sämtlichen Großstädten und Industrierevieren eine vernichtende militärische Niederlage zufügte und sie zum Rückzug in die unterentwickelten Agrargebiete des Landes zwang. Die Tatsache, dass die Faschisten von dort aus - in mühsamem, beinahe drei Jahre dauernden Bürgerkrieg - die Macht schließlich doch erobern konnten, erklärt sich so , wohl aus der Einwirkung internationaler Faktoren, wie aus der verhängnisvollen Rolle der Partei- und Staatsführung der Linken, die die Werktätigen daran hinderte, die erfolgreich begonnene sozialistische Revolution vom Juli 1936 rasch zu beenden und, u.a. durch radikale Bodenverteilung und Proklamation der Selbständigkeit Marokkos, Francos letzte Machtbasis unter rückständigen Bauern und nordafrikanischen Söldnern zu zersetzen. 23 Siehe dazu u.a. Daniel Guérin, a.a.O., S. 141168. 24 Auf den Unterschied von Bonapartismus und Faschismus wird weiter unten noch eingegangen. 25 Schon im »Kommunistischen Manifest« machen sich Marx und Engels über das liberale Argument lustig, die Kommunisten gössen nur Wasser auf die Mühlen der konservativen Reaktion. In der Revolution von 1848 wurde es unendlich oft wiederholt: wenn nur die bösen »Sozialisten« nicht gewesen wären, dann hätte sich das liberal-konstitutionelle Regime überall konsolidiert. Die Sozialisten jedoch hätten den Bürger verängstigt und in die Arme der Reaktion zurückgetrieben. In der großen französischen Revolution benutzten die Konservativen ihrerseits ein ähnliches Argument gegen die Liberalen: ohne die Exzesse des Konvents und der »linksradikalen« Verfassung vom Jahre III wäre es nicht zur Restauration der Monarchie gekommen... Man sieht: es gibt nichts Neues unter dieser Sonne. 26 Giovanni Zibordi, Der Faschismus als antisozialistische Koalition, in: Ernst Nolte, Theorien über den Faschismus, a.a.O., S. 7987; hier S. 83. 27 Filippo Turati, Faschismus, Sozialismus und Demokratie, a.a.O., S. 143-155; hier S. 147 f. 28 Angelo Tasea, Nascità e Avvento del Fascismo, Turin 1950. Dt. im Europa-Vlg., Wien 1969. 29 Siehe u.a. Hendrik de Man, Sozialismus und National-Faschismus, Potsdam 1931; die Memoiren von Severing (»Mein Lebensweg«, Band II: »Im Auf und Ab der Politik« (Köln, 1950); die Memoiren von Otto Braun: »Von Weimar zu Hitler«, New York (Europa-Verlag) 1940, usw. 30 Otto Braun entschuldigt seine jämmerliche Kapitulation vor dem Papenschen Staatsstreich am 20. Juli 1932 mit dem Argument, angesichts der Wirtschaftszerrüttung und der Millionen von Arbeitslosen sei ein Generalstreik wie gegen den Kapp-Putsch unmöglich. Dabei vergißt er, daß auch zur Zeit des Kapp-Putsches die deutsche Wirtschaft schwer zerrüttet war. Interessanterweise fürchteten die Unternehmerverbände und die reaktionären Politiker durchaus den Generalstreik, - entgegen den Behauptungen Otto Brauns. Auch die offizielle Geschichte der I.G. Metall »Fünfundsiebzig Jahre Industriegewerkschaft«, Frankfurt (Europäische Verlagsanstalt) 1966, erklärt ausdrücklich: »Vergeblich wartete die Arbeiterschaft am 20. Juli 1932 auf ein Signal zum Handeln« (S. 279). Am unsinnigsten ist Brauns Argument, gegen die Reichswehr könne ein Arbeiteraufstand nur mit einer Niederlage enden. Als ob die kampflose Kapitulation nicht einer weit verheerenderen Niederlage gleichkäme! 31 Siehe zahlreiche Belege bei Theo Pirker, Komintern und Faschismus 1920-1940, Stuttgart (D.V.A.) 1965. Die Lektüre der offiziellen Komintern- und KPD-Presse der Periode 1930 bis 1933 bleibt aber der eindrücklichste Beleg. In seiner Einleitung zur 2. Auflage von Ossip K. Flechtheims »Die KPD in der Weimarer Republik«, Frankfurt (Europ. Verlagsanst.) 1969, gibt Hermann Weber eine Übersicht über die bedeutende Literatur zur KPD-Politik der Jahre 1930-33. Flechtheims Buch enthält auch selbst zahlreiche Quellen und liefert zahlreiche Belege für Trotzkis These. 32 In der Theorie vom »Sozialfaschismus« wird die objektive Rolle der sozialdemokratischen Führung (ohne Zweifel ein Faktor der Stabilisierung des status quo der spätbürgerlichen Gesellschaft) gegenüber ihrer Massenbasis und ihrer spezifischen Form (die das Fortbestehen der Arbeiterorganisationen impliziert) willkürlich isoliert; in der Volksfronttheorie wird dagegen der antifaschistische Wille der Massen und der Zwang der sozialdemokratischen Führung, sich gegen die Gefahr der Vernichtung durch den Faschismus zur Wehr zu setzen, ebenso willkürlich vom gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang der Strukturkrise des Spätkapitalismus isoliert. Im ersten Fall werden die Massen durch Spaltung paralysiert, im zweiten durch Rücksichtnahme auf den »liberal«-bürgerlichen Partner der Volksfrontpolitik entscheidend gebremst. Das Pendel schwingt von der linksopportunistischen zur rechtsopportunistischen Abweichung, ohne die richtige Position, jene der Aktionseinheit der Werktätigen (mit einer objektiv antikapitalistischen Dynamik) je zu erfassen. 33 Noch spät in den fünfziger Jahren wurde der verzweifelte Versuch unternommen, sich an der Rechtfertigung der KPD-Politik der Jahre 1930 bis 1933 festzuklammern. Siehe u.a. das Heft: »Les Origines du Fascisme«, veröffentlicht in der Reihe »Recherches Internationales à la Lumière du Marxisme«, Nr. 1, Editions La Nouvelle Critique, Paris 1957. 34 Siehe Band 4 der »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«, Berlin (Dietz) 1966, S. 168, 171, 206, 239, 188 f., 300-303, 312 usw. Praktisch gibt die »Geschichte ... « Trotzki in jedem Punkt der Kritik nachträglich recht ohne seinen Namen ein einziges Mal in diesem Zusammenhang zu erwähnen. 35 Ernst Nolte, a.a.O., S. 55, 66, usw.; Harold Laski, Réflexions sur la Révolution de notre Temps, Paris (Le Seuil) 1946, S. 135. 36 Es wäre interessant, die tieferen Wurzeln dieses Zwangs zu untersuchen. Er liegt u.E. nicht nur in der Notwendigkeit, die Atomisierung der Arbeiterklasse durch Massenterror zu gewährleisten, wozu ein »normaler« Repressionsapparat nicht ausreicht, sondern auch in der Natur der auf Privateigentum an Produktionsmitteln errichteten Produktionsweise selbst, der immer ein Element der Konkurrenz anhaftet, und in der es den direkten Vertretern der Konzerne nur auf dem Umweg des Feilschens und der gegenseitigen Aussöhnung widerspruchsvoller Teilinteressen gelingen kann, zum Gesamtinteresse der Klasse (oder genauer: ihrer entscheidenden Schicht) vorzustoßen. Soll dieses Gesamtinteresse unmittelbar und zentralisiert, also ohne lange Besprechungen und schwierige Verhandlungen sich auswirken, dann muß die Interessenvertretung des Gesamtinteresses von der gleichzeitigen Verteidigung von Partikularinteressen getrennt werden, d.h.: dann muß die Personalunion der Großkonzerne und der politischen Führung aufgehoben werden. Deshalb die Neigung der bürgerlichen Gesellschaft zur politischen Selbstentmachtung in Krisenzeiten, in ihrer stürmischen Jugend ebenso wie in ihrem dekadenten Alter. 37 Einen ähnlichen Fehler begeht auch Robert A. Brady in seinem Buch »The spirit and structure of German fascism«, New York (The Viking Press) 1937. 38 Ignazio Silone, Der Faschismus - Seine Entstehung und seine Entwicklung, Europa Verlag, Zürich 1934, S. 32 ff., 46 ff., 52 f., usw. 39 A.a.O., S. 276 ff. 40 August Thalheimer, über den Faschismus, in: Faschismus und Kapitalismus; Politische Texte, herausgegeben von Wolfgang Abendroth, Frankfurt (Europäische Verlagsanstalt) 1967, S. 19-38; Otto Bauer, Zwischen zwei Weltkriegen?, a.a.O., S. 113-141. 41 Dieser Aspekt wurde auch von Rüdiger Griepenburg und K. H. Tjaden in »Faschismus und Bonapartismus« (in: »Das Argument«, Heft 41, 8. Jg. Heft 6, Dezember 1966, S. 461-471) unterstrichen. 42 Otto Bauer, a.a.O., S. 113 f. 43 A.a.O. S. 116. 44 Arthur Rosenberg, Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt (Europäische Verlagsanstalt) 1961, S. 211. 45 Charles Bettelheim, a.a.O., S. 210. 46 Jürgen Kuczynski, Die Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland, Bd. II: 1933 bis 1946. Berlin (Verlag Die freie Gewerkschaft) 1947, S. 125, 199, 154. 47 Franz Neumann, a.a.O., S. 43. Unter diesen Bedingungen klingt es geradezu wie Hohn, wenn Tim Mason zum Beweis des angeblichen »Primats der Politik« nach dem Jahre 1936 die Tatsache anführt, daß es die Hitlerregierung zwei Jahre lang, zwischen Herbst 1936 und Sommer 1938, »unterließ«, die Einschränkung der Freiheit des Arbeitsplatzwechsels und die Festsetzung von Höchstlöhnen zu beschließen: »Die beiden Maßnahmen wurden von der politischen Führung abgelehnt, Weil so radikale Schritte gegen das materielle Interesse der Arbeiterschaft mit der politischen Aufgabe, die Arbeiter zum Nationalsozialismus zu erziehen, nicht zu vereinbaren waren« (Tim Mason, Das Primat der Politik, in: Das Argument, 8. Jahrgang, Heft 6, Dezember 1966. Nr. 41, S. 485). Wer zuviel beweisen will, beweist, daß er Unrecht hat. Tim Mason scheint nicht einzusehen, daß das Entscheidende dieser Affäre nicht etwa die Tatsache war, daß diese Schritte zwei Jahre lang hinausgeschoben wurden, sondern daß sich umgekehrt ein zumindest demagogisch auf »Volksgemeinschaft« eingeschworenes Regime zu einer solchen Teilversklavung der eigenen Arbeiterschaft - Aufhebung der Freizügigkeit - und einem solchen »Monopol an Rüstungsprofiten« zugunsten der Großkonzerne entschloß. Beweist das nicht gerade, daß die Interessen der »politischen Führung. schließlich vor jenen des Monopolkapitals zurückweichen mußten, daß es also kein »Primat der Politik«, sondern ein »Primat des Monopolkapitals« gab? 48 Neumann, a.a.O., S. 613; Bettelheim, a.a.O., S. 63. 49 Neumann, a.a.O., S. 601 f., 591 f. 50 Tim Mason, a.a.O., S. 482 f., 487, 484. 51 Zur Reprivatisierung siehe u.a. Bettelheim, a.a.O., S. 112; Neumann, a.a.O., S. 297 f. Über die Gelsenkirchen AG-Affäre, ihre zentrale Bedeutung bei dem überschwenken breiter Kreise der Schwerindustrie ins Lager Hitlers und über die Reprivatisierung der Vereinigten Stahlwerke im Jahre 1936 siehe u.a.: George F. W. Hallgarten: »Hitler, Reichswehr und Industrie«, S. 108113; K. Gossweiler: »Die Vereinigten Stahlwerke und die Großbanken.«, in: »Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte«, 1965, Teil IV, Akademie-Verlag, Berlin, S. 11-53. 52 Wir möchten in diesem Zusammenhang nochmals auf das von Tim Mason aufgeworfene Problem, das Entscheidende sei »die politische Willensbildung«, und »die Innen- und Außenpolitik der nationalsozialistischen Staatsführung (sei) ab 1936 in zunehmendem Maße von der Bestimmung durch die ökonomisch herrschenden Klassen unabhängig« geworden (a.a.O., S. 474), zurückkommen. Das entscheidende Wort ist hier »Bestimmung«. Es wendet sich in Wirklichkeit nicht gegen die marxistische Staats- und Gesellschaftsinterpretation, sondern nur gegen ihre mechanische Verflachung. Der Marxismus impliziert, daß es keine absolute Identität zwischen Oberbau und Unterbau gibt; daß beide Ebenen ihre eigene, schon durch die Arbeitsteilung bedingte, innere Logik haben; daß also Klassengesellschaften bis zu einem gewissen Grade eine Verselbständigung nicht nur von Religion und Philosophie, sondern auch von Staat und Armee kennen. Worauf es ankommt ist nicht, zu wissen, ob eine Gruppe von Bankiers oder Großindustriellen dem Regierungschef oder Armeeführer seine Beschlüsse unmittelbar »diktiert«, sondern ob diese Beschlüsse dein Klasseninteresse dieser Großfinanz oder der Großkonzerne entsprechen und aus der inneren Logik der Verteidigung der gegebenen Produktionsweise heraus verständlich werden. Tim Mason übersieht, daß Militarismus und Kriege diese Autonomie schon sehr weitgehend im Rahmen des Monopolkapitalismus, lange bevor die NSDAP geboten wurde, erlangt hatten. Ja, der ganze Begriff des »Primats der Politik« ist gerade aus dem Komplex des Ersten Weltkriegs geboren. »Gewisse Andeutungen«, schrieb Tim Mason, »sind schon jetzt vorhanden, daß der Angriff auf Polen 1939 und auf Frankreich 1940 keinen unabdingbaren Teil der Gesamtkonzeption der herrschenden Klasse bildete« (»Primat der Industrie?« Eine Erwiderung. In: »Das Argument«, Heft 47, Juli 1968, S. 206). Kann man dasselbe nicht auch von Churchills Dardanellen-Abenteuer im Ersten Weltkrieg, von Verdun und den anderen gewaltigen Materialschlachten des Ersten Weltkriegs und überhaupt von der Auslösung dieses Ersten Weltkriegs mindestens mit ebenso starker, rückwirkender Kraft behaupten wie vom Zweiten Weltkrieg? Wäre es nicht »im Interesse« des Großkapitals gewesen, sich lieber über die Gegensätze zwischen serbischen und bosnischen Schweineexporten oder zwischen deutscher und englischer Nahost-Penetration zu einigen, als Millionenverluste zu erleiden und eine sozialistische Revolution heraufzubeschwören? Waren es nicht Diplomaten, Kaiserkamarilla und vor allem Generalstäbler, die zwischen den Schüssen von Sarajewo und dem Einmarsch in Belgien die Entscheidungen trafen, statt der Unternehmerverbände oder dem Verwaltungsrat der Deutschen Bank? Und sind nicht Militarismus, imperialistische Gegensätze, militaristisch-nationalistische Ideologie, Wettrüsten, Rohstoffarmut Deutschlands usw. unvermeidliche Produkte einer bestimmten Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur und die letzten Ursachen des Krieges? Lag ihnen nicht das Expansionsstreben der Deutschen Bank zugrunde? Und sind die Kriegsziele nicht eng mit diesem Ursprung des Wettrüstens verbunden? In diesem Sinne muß man die marxistische These der monopolkapitalistisch-imperialistischen Natur des Nazisystems verstehen und nicht in dem eng mechanischen Sinne, daß die Herren Großbankiers mehr Einfluß auf die unmittelbare Kriegsführung als das Hauptquartier der Wehrmacht gehabt hätten (was ja auch im Ersten Weltkrieg keineswegs der Fall war). Dietrich Eichholz und Kurt Gossweiler bringen in diesem Zusammenhang ein schönes Zitat des Mitglieds des Vorstands und des Zentralausschusses der IG-Farbenindustrie AG, eines Herrn Carl Krauch, vom 28. April 1939: »Heute wie 1914 erscheint die deutsche politische und wirtschaftliche Lage - eine von der Welt belagerte Festung - eine rasche Kriegsentscheidung durch Vernichtungsschläge gleich zu Beginn der Feindseligkeiten zu verlangen« (Das Argument, Nr. 47, S. 226). Das war die herrschende Mentalität der entscheidenden Kreise des Monopolkapitals. Daß sie nachträglich genau so »irrational« erscheint wie jene des Wilhelminischen Großbürgertums (und der vergleichbaren Mentalität zahlreicher anderer imperialistischer Mächte) beweist nur, daß imperialistische Kriege überhaupt und der Monopolkapitalismus an sich die »rationalisierte Irrationalität«, die immanent in der bürgerlichen Gesellschaft vorhanden ist, bis zur höchsten Potenz steigern. 53 Klaus Drobisch, Flick-Konzern und faschistischer Staat 19331939, in: Monopole und Staat in Deutschland 1917-1945, Berlin (Akademie-Verlag) 1966, S. 169 f. 54 Hierzu gibt es viele Quellen. Eine eindrucksvolle Schilderung bringt George F. W. Hallgarten, a.a.O., S. 104 ff. 55 Auch hier sind die Quellen besonders zahlreich. Siehe u.a. H. S. Hegner, Die Reichskanzlei von 1933-1945, Frankfurt (Verlag Frankfurter Bücher) 1959, S. 33 ff.; Alan Bullock, Hitler, A Study in Tyranny, Penguin Books 1962, S.196 ff., 243 ff.; William L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, Bd. 1, S- 103-214, München (Knaur Verlag) 1963, gibt eine Zusammenfassung der wichtigsten Zeugnisse, vor allem das von Meissner, und eine bedeutende Bibliographie. 56 Vgl. dazu die diesem Zeitabschnitt gewidmeten Passagen in den autobiographischen Aufzeichnungen z.B. von M. Buber-Neumann, H. Brandt, G. Grosz, F. Jung, A. Koestler, S. Leonhard, G. Regler, J. Valtin. 57 Die Liste politischer Führer, die in den USA in den letzten Jahren ermordet wurden, erinnert unheilvoll an die der Weimarer Zeit: Malcolm X, Martin Luther King, John F. Kennedy, Robert Kennedy, die beiden Black Panther-Führer von San Francisco sind nur einige Namen aus einer langen Reihe. 58 Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß sich in diesem bereits einsetzenden Polarisierungsprozeß der Aktivismus von rechts in den letzten Jahren eher im Niedergang befindet und auch in den USA der politisch aktive Teil der Jugend überwältigend nach links tendiert. Wie in Westeuropa findet die Konfrontation nicht zwischen Links- und Rechtsaktivisten, sondern zwischen Linksaktivisten und Polizei statt. Die relative Prosperität des amerikanischen Mittelstands und der ihr entsprechende Konservatismus sind daran natürlich nicht unbeteiligt.
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