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Theorien über den Faschismus | Drucken |  E-Mail
Ernest Mandel   
17.10.2005
 

VI

Trotzkis Faschismustheorie ist jedoch nicht nur ein unerbittliches Anklagedokument im Rahmen der Vergangenheit. Auf die Gegenwart und Zukunft schauend ist sie eine Warnung vor neuen theoretischen Fehlern und vor neuen Gefahren.

Das Spezifische des Faschismus kann nur im Rahmen des imperialistischen Monopolkapitalismus erfaßt werden. Es ist absurd, irgendwelche autoritären Bewegungen in halbkolonialen Ländern »faschistisch« zu nennen, nur weil sie einem Führer Gefolgschaft schwören oder ihre Anhänger in eine Uniform stecken. Ist in einem Land der wichtigste Teil des Kapitals in ausländischem Besitz, und ist das Geschick der Nation durch diese Herrschaft des ausländischen Imperialismus bestimmt, so kann keine Rede davon sein, eine Bewegung der nationalen Bourgeoisie, die sich von dieser Beherrschung im eigenen Interesse zu befreien sucht, faschistisch zu nennen. Sie kann mit dem Faschismus einige oberflächliche Merkmale gemeinsam haben: den extremen Nationalismus, den Führerkult, manchmal sogar auch den Antisemitismus. Wie der Faschismus mag sie ihre Massenbasis im deklassierten und verarmten Kleinbürgertum finden. Aber der entscheidende sozial- und wirtschaftspolitische Unterschied zum Faschismus tritt sofort zutage, wenn man ihre Haltung gegenüber den beiden entscheidenden Klassen der modernen Gesellschaft untersucht: dem Großkapital und der Arbeiterklasse.

Der Faschismus konsolidiert die Herrschaft des ersteren und verschafft ihm wirtschaftlich höchste Gewinne; er atomisiert die Arbeiterklasse und zerschlägt ihre Organisationen. Dagegen werden die fälschlich als faschistisch verketzerten nationalistischen Bewegungen der nationalen Bourgeoisie halbkolonialer Länder dem - vorwiegend ausländischen - Großkapital manch ernste und dauerhafte Schläge zufügen und der Arbeiterschaft neue Organisationsmöglichkeiten schaffen. Das beste Beispiel dafür ist die peronistische Bewegung Argentiniens, die, weit davon entfernt, die Arbeiterklasse zu atomisieren, zum ersten Mal allgemeine Massengewerkschaften der Fabrikarbeiterschaft zum Durchbruch kommen ließ, die bis zum heutigen Tage das Geschick des Landes bedeutend beeinflußt haben.

Gewiß ist die Manövrierfähigkeit dieser sogenannten »nationalen Bourgeoisie« zwischen ausländischem Imperialismus und einheimischer Massenbewegung historisch-gesellschaftlich beschränkt, und sie wird dauernd zwischen diesen beiden Hauptpolen hin und her schwanken. Gewiß wird sie ihr Klasseninteresse letzten Endes zu einem Bündnis mit dem Imperialismus führen, den sie ja durch Massendruck nur um einen höheren Anteil am Gesamtwert erpressen will, während ein zu starker Aufschwung der Massenbewegung ihre Klassenherrschaft selbst bedroht. Gewiß kann sich eine solche Wendung gegen die Massen in blutiger, faschismusartiger Repression äußern, wie etwa diejenige der indonesischen Generäle nach dem Oktober 1965. Der grundsätzliche Unterschied zwischen beiden Prozessen - hier Faschismus in den imperialistischen Metropolen, dort schlimmstenfalls zeitweilige Militärdiktaturen in halbkolonialen Ländern der Dritten Welt - sollte aber so deutlich erkannt werden, daß sich jede Begriffsverwirrung vermeiden läßt.

Im selben Sinne sollte man es auch vermeiden, die heute im Westen immer deutlicher zutage tretende Tendenz zum »starken Staat« mit einer Tendenz zur »schleichenden« oder sogar zur »offenen Faschisierung« zu verwechseln. Die Ausgangsbasis des Faschismus ist, wie immer wieder unterstrichen werden muß, ein desperates und verarmtes Kleinbürgertum. Nach einem zwanzigjährigen »langen Zyklus mit expansivern Grundton« gibt es ein solches desperates Kleinbürgertum in kaum einem bedeutenden imperialistischen Lande des Westens. Höchstens marginale Schichten des Bauerntums sind von einer Verarmungstendenz betroffen, aber auch diese Schichten, denen keinerlei bedeutendes Gewicht in der Gesamtbevölkerung zukommt, fanden bisher relativ leicht einen neuen Arbeitsplatz in Handel, Dienstleistungsgewerbe oder Industrie. Es vollzieht sich hier der umgekehrte Prozeß wie in den Jahren 1918 bis 1933. Damals wurden die Mittelschichten pauperisiert, aber nicht proletarisiert; heute werden sie proletarisiert, doch nicht pauperisiert.

Unter Bedingungen eines vorwiegend wohlhabenden und konservativen Kleinbürgertums fehlt einem Neofaschismus jede objektive Möglichkeit, sich eine breite Massenbasis zu erobern. Satte Besitzbürger schlagen sich nicht mit revolutionären Arbeitern oder radikalen Studenten auf der Straße. Sie ziehen es vor, an die Polizei zu appellieren und ihr bessere Waffen zur »Bekämpfung von Unruhen« zu verschaffen. Und darin liegt gerade der Unterschied zwischen dem Massen desperater Kleinbürger organisierenden und mit ihnen ganze Industriereviere und Großstädte terrorisierenden Faschismus und dem autoritären »starken Staat«, der wohl Gewalt und Repression einsetzen und der Arbeiterbewegung oder radikalen Gruppen schwere Schläge versetzen kann, der jedoch unfähig ist, die Arbeiterorganisationen zu vernichten und die Arbeiterklasse zu atomisieren. Ein auch nur oberflächlicher Vergleich zwischen der Entwicklung in Deutschland nach. 1933 und jener in Frankreich nach der Errichtung des »starken Staates« im Jahre 1958 läßt diesen Unterschied besonders deutlich erkennen. In Spanien kann der Vergleich zwischen der faschistischen Diktatur in den Jahren 1939 bis 1945 und dem dekadenten »starken Staat« von heute, der trotz zuweilen schärfster Repression durch den Polizei- und Militärapparat völlig unfähig ist, eine aufsteigende Massenbewegung zu unterdrücken, nur zu demselben Schluß führen.

Damit eine neue, unmittelbare Gefahr des Faschismus in den imperialistischen Staaten des Westens aufkommen könnte, müßte sich die Wirtschaftsentwicklung entscheidend ändern. Dies ist für die Zukunft keineswegs ausgeschlossen, ja sogar wahrscheinlich. Aber solange dies nicht der Fall ist, sollte man, statt sich von einer noch nicht vorhandenen Gefahr faszinieren zu lassen, weniger über Neofaschismus schreien und dem systematischen Kampf gegen die sehr konkrete und reale Tendenz des Großbürgertums zum »starken Staat«, d.h. zur systematischen Einengung der demokratischen Rechte der Lohnabhängigen (über Notstandsgesetze, Antistreikgesetze, »Konzertierte Aktionen« mit der Zwangsjacke von Orientierungsdaten«, Geld- und Freiheitsstrafen für »wilde Streiks«, Begrenzung des Demonstrationsrechts, staatliche und kapitalistische Manipulation der Massenmedien, Wiedereinführung der Vorbeugehaft usw.) mehr Aufmerksamkeit schenken. Das Körnchen Wahrheit, das in der These der »schleichenden Faschisierung« steckt, bezieht sich auf die Gefahr, daß durch eine passive und entpolitisierte Hinnahme dieser Anschläge auf demokratische Elementarrechte der Appetit der Herrschenden auf schwerere Angriffe nur gereizt werden kann. Läßt sich die Arbeiterbewegung widerstandslos am Gängelband ziehen und schrittweise entmachten, dann könnte bei der ersten scharfen Wende der Wirtschaftslage dem ersten Abenteurer der Einfall kommen, sie wiederum radikal zu zerschlagen. Der nicht in zähem Kleinkrieg jahrelang vorbereitete Widerstand wird bestimmt nicht »in letzter Stunde« wie ein Wunder vom Himmel fallen.

Aber gerade weil heute die Hauptaufgabe nicht im Kampf gegen einen noch beinahe ohnmächtigen Neofaschismus, sondern im Kampf gegen den sehr bedrohlichen »starken Staat« liegt, wäre es unangebracht, Begriffsverwirrungen einzuführen. Wenn man diese ersten Scharmützel bereits für den Anfang der Entscheidungsschlacht erklärt und den Eindruck entstehen läßt, der Faschismus (ob »schleichend« oder »offen«) sei mit der immerhin noch ziemlich harmlos wirkenden Pariser CRS oder den Westberliner Polizeischlägern identisch, schläfert man die Wachsamkeit der Massen vor der entsetzlichen Gefahr, die ein mit der viel weiter fortgeschrittenen Technik bewaffneter Faschismus heute darstellen würde, ein und begeht denselben, verhängnisvollen Fehler der KPD-Führer von 1930 bis 1933, die nacheinander Brüning, Papen, Schleicher und Hugenberg als Verkörperung des Faschismus darstellten, was wiederum die Werktätigen nur zu dein Schluß führen konnte, »das Ganze sei halb so wild«.

Die Keime dieses potentiellen neuen Faschismus liegen in den in mehreren imperialistischen Ländern bewußt erzeugten Bazillenherden der fremdenfeindlichen und rassistischen Mentalität (gegen die Schwarzen, gegen die Farbigen, gegen die Gastarbeiter, gegen die Araber, usw.), in der wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber politischen Morden in einem Land wie den USA(57), in den irrationalen Ressentiments gegen eine tendenziell immer stärker zutage tretende »ungünstige Entwicklung« der Weltpolitik, in einem nicht weniger irrationalen Haß gegen radikale, nonkonforme Minderheiten (»Man müßte Euch alle vergasen« wurde SDS-Demonstranten viele Male in der Bundesrepublik und Westberlin zugerufen, »Ihr gehört ins KZ« ist ein übliches Schimpfwort »ordnungsliebender Bürger« gegenüber radikalen Demonstranten in der Bundesrepublik und in den USA). Es ist eine tragische Verblendung, daß sich ein sonst kluger, liberaler Hochschullehrer wie Jürgen Habermas zur Verwendung des Schlagworts »Linksfaschismus« gegen die radikalen Studenten, d.h. gegen die ersten potentiellen Opfer eines späteren faschistischen Terrors hinreißen läßt, wo doch gestern wie heute der wirkliche Nährboden des Faschismus nicht bei nonkonformistischen Minderheiten sondern bei den »Anständig, anständig, Ehre, Treue« stotternden, gegen diese Studenten aufgebrachten Spießern zu suchen ist.

Es ist keineswegs auszuschließen, daß im Falle einer Erschütterung der kapitalistischen Weltwirtschaft - die nicht notwendigerweise die Form einer, beim Umfang des heutigen Staatshaushaltes unwahrscheinlichen, Weltwirtschaftskrise von der Schärfe jener der Jahre 1929 bis 1933 annehmen muß - diese in ganz Westeuropa vorhandenen Keime sprunghaft neue faschistische Epidemien entstehen lassen. Aber manches deutet darauf hin, daß diese Gefahr in den USA viel stärker als in Europa vorhanden sein dürfte. Das europäische Großbürgertum hat sich schon einmal tüchtig die Finger an einem faschistischen Experiment verbrannt. In einigen Teilen des Kontinents verlor es dadurch Kopf und Kragen, in anderen konnte es nur in letzter Minute seine Klassenherrschaft retten. Es wird sich umso weniger zu einer Wiederholung des Abenteuers verleiten lassen, als auch in den Volksmassen die Erfahrung tiefe Spuren hinterlassen hat, und die plötzlich aufkommende Gefahr eines neuerlichen Faschismus zu den schärfsten Reaktionen führen muß.

Ein günstiges Omen stellt in diesem Sinne die Entwicklung der westeuropäischen Studentenschaft dar. Diese war seit Beginn des Jahrhunderts die geistige Brutstätte des Faschismus. Aus ihr rekrutierte sich der erste Kader der faschistischen Banden. Sie stellte die organisierten Streikbrecher der zwanziger Jahre, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien während des Generalstreiks des Jahres 1926. Lange bevor Hitler in die Reichskanzlei einzog, hatte er die Herrschaft über die Hochschulen erobert. Und als die französische Volksfront die Wahlen von 1936 gewann, beherrschten die halbfaschistischen Camelots du Roi weiterhin das Quartier Latin.

Heute hat sich das Bild radikal gewandelt. In allen westeuropäischen Ländern geht der Haupttrend der Studenten nach links und extrem links, und nicht nach extrem rechts. Nicht Streikbrecher, sondern Streikposten werden unter den Studenten rekrutiert, und diese wenden sich an die Betriebe, nicht um den Unternehmern zu helfen, »Ruhe und Ordnung wiederherzustellen«, sondern um die Lohnabhängigen dazu zu bringen, die spätkapitalistische »Ordnung« viel radikaler in Frage zu stellen, als dies ihre traditionellen Massenorganisationen selbst tun. Es ist unwahrscheinlich, daß sich dieser Trend in den kommenden Jahren jäh ändern wird. War der Faschismus nach dem Ersten Weltkrieg vor allem ein Aufstand der Jugend, so gibt es heute kaum Anzeichen dafür, daß die Jugend irgendwo in Westeuropa in ihrer Masse durch rechtsextreme Losungen verführt werden könnte.

Die nächste Welle in Europa wird nach links und extrem links gehen - das zeigt der Seismograph der Jugend an, die der Massenbewegung um einige Jahre vorauseilt. Und dafür waren die Maiereignisse in Frankreich 1968 nur ein Auftakt. Erst wenn diese Welle erfolglos zurückfluten würde und die Enttäuschung der jungen Generation mit einer Erschütterung der Wirtschaft zusammenfiele, hätte der Faschismus abermals gewisse Chancen.

Auch in den USA dürfte die gleiche dialektische Bewegung zu erwarten sein, die wir seit 1918 immer wieder erlebt haben. Bei der Erschütterung der spätkapitalistischen Gesellschaft schlägt das Pendel immer erst nach links aus, und nur, wenn die Arbeiterbewegung versagt, hat die Rechte ihre Chance. Aber die amerikanische Großbourgeoisie ist weniger erfahren und deshalb brutaler als die westeuropäische, denn sie hat bisher kaum schwer unter eingegangenen Risiken gelitten, hat deshalb weniger Instinkt für die natürlichen Grenzen der va-banque-Politik, und besitzt in der unpolitischen Tradition breiter Teile der amerikanischen Bevölkerung ein Reservoir an rechtsextremem Konservatismus, der bei einem Umschlag der Wirtschaftslage und einer verpaßten Chance der radikalen Linken, das Geschick des Landes in sozialistischem Sinne umzugestalten, einem faschistischen Abenteuer größere Erfolgschancen bieten würde als in Europa. Die wachsende Gewalttätigkeit, die explosive Rassenfrage, das rücksichtslose Draufgängertum mancher imperialistischer Kreise lassen das Profil faschistoider Trends deutlicher jenseits als diesseits des Atlantiks erkennen(58).

Die fürchterliche Gefahr, die ein solcher Faschismus nicht nur für das Fortbestehen der menschlichen Kultur, sondern für die physische Existenz der Menschheit überhaupt darstellen würde, braucht nicht näher erläutert zu werden. Man stelle sich vor, was im Jahre 1944 geschehen wäre, wenn Hitler über ein Arsenal von Kernwaffen verfügt hätte, das jenem der USA ähnlich gewesen wäre. »Rather dead than red« - »lieber tot als rot« - sagen schon heute die rechtsradikalen Anhänger der John Birch Society und der Minutemen. Wenn in der Endphase eines Verzweiflungskampfes für die Rettung »ihrer« monopolkapitalistischen Gesellschaft die in der übrigen Welt bereits besiegten Großkonzerne die politische Macht in den USA irrationalen Gewalttätern ausliefern könnten, würde dies der gesamten Menschheit zum Verhängnis werden. Zu Ende der zwanziger oder anfangs der dreißiger Jahre konnten revolutionäre Marxisten die Warnung äußern, der Kampf gegen den Faschismus, für eine sozialistische Lösung der europäischen Krise, sei ein Kampf für oder wider eine auf unserem Erdteil aufmarschierende Barbarei. In den kommenden Jahrzehnten dürfte der Kampf um ein sozialistisches Amerika einem Kampf um Leben und Tod der gesamten Menschheit gleichkommen.

Deshalb haben die scharfen Analysen und die Kassandrarufe Trotzkis so aktuelle Bedeutung. Denn so lange der Monopolkapitalismus fortbesteht, könnte dieselbe Gefahr in noch schrecklicherer Form und mit noch unmenschlicherer Barbarei wiederkehren. Wir sagten zu Beginn, man werde beim Lesen dieses Buches durch die analytische Leistung Trotzkis gefesselt. Stärker noch als diese Bewunderung ist aber beim Studium dieser Schriften das Aufwallen der Empörung und des Zorns. Wie leicht wäre es gewesen, auf Trotzkis Mahnung zu hören und das Unheil zu vermeiden. Das sollte uns die große Lehre sein: das Übel zu erkennen, um es zeitig und erfolgreich bekämpfen zu können. Die deutsche Katastrophe darf sich nicht wiederholen. Und sie wird sich nicht wiederholen.

Ernest Mandel
30. Januar 1969



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