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Wir haben Trotzkis Faschismustheorie mit anderen Versuchen zur Erklärung des Faschismusphänomens verglichen und ihre eindeutige Überlegenheit erkannt, die u.a. aus der Fähigkeit zur Integration einer Vielzahl von Teilaspekten in eine dialektische Einheit entspringt. Wir verfügen heute über eine bedeutende Anzahl empirischer Daten, die Trotzki und anderen marxistischen Autoren der Periode unmittelbar vor und nach der Machtergreifung durch die NSDAP unbekannt waren. Was können diese Daten bezüglich einiger der entscheidenden, strittigen Punkte der Faschismustheorie aussagen? Am eindeutigsten bleibt das Zeugnis über die wirtschaftliche und gesamtpolitische Funktion der faschistischen Diktatur. Durch Zerschlagung der organisierten Arbeiterbewegung gelang es Hitler, einen für die kapitalistischen Unternehmer geradezu mirakulösen Lohnstop zu erzielen. Die Stundenlöhne wurden auf der Basis der Wirtschaftskrise eingefroren; das Verschwinden der Massenerwerbslosigkeit führte zu keiner bedeutsamen Erhöhung der Lohnsätze. Gleiche Löhne zahlen zu können, wenn es 5 Millionen Erwerbslose gibt, und gleiche Löhne zu zahlen, wenn es keine Erwerbslosen gibt - das war dem Kapital in seiner gesamten Geschichte noch nie gelungen. Für qualifizierte Arbeiter sank der Durchschnittsstundenlohn von 95,5 Pfennigen im Jahre 1928 auf 70,5 Pfennige im Jahre 1933 und stieg dann auf 78,3 Pfennige im Jahre 1936, 79,0 Pfennige im Jahre 1940 und 80,8 Pfennige im Oktober 1942(45). Diese Zahlen beziehen sich auf den durchschnittlichen Tariflohn in 17 Industriezweigen. Andere Quellen zitieren etwas höhere Zahlen der durchschnittlichen Tariflöhne gelernter Arbeiter in der Gesamtwirtschaft des Deutschen Reiches; diese sollen vom Januar 1933 bis 1937 weiter gefallen sein, von 79,2 Pfennigen auf 78,5 Pfennige, um dann langsam auf 79,2 Pfennige im Jahre 1939, 80 Pfennige im Dezember 1941 und 81 Pfennige im Oktober 1943 zu Steigen(46). Aber auch diese Zahlen bestätigen eindeutig das Bild von Tariflöhnen, die weit unter dem Vorkrisenniveau blieben - bei gewaltigem Arbeitskräftemangel fürwahr eine »großartige« Leistung des NSRegimes! Zusammenfassend stellt Neumann fest, daß sich die Verteilung des deutschen Nationaleinkommens zwischen 1932 und 1938 scharf zugunsten des Kapitals verändert hat: der Anteil des Kapitals (Kapitaleinkommen, Industrie- und Handelsprofit sowie unverteilte Gewinne der Industrie) stieg von 17,4% des Volkseinkommens im Jahre 1932 (und 21% im Jahre 1929) auf 25,2% im Jahre 1937 und 26,6% im Jahre 1938(47). Es sollte sich angesichts dieser Daten eigentlich erübrigen, überhaupt noch über die Klassennatur des faschistischen Staates diskutieren zu müssen. Unmittelbar nach diesen grundlegenden Fragen der wirtschaftlichen Funktion des Faschismus sollte seine Auswirkung auf Akkumulation und Konzentration des Kapitals erwähnt werden. Auch auf diesem Gebiet verfügen wir heute über ein umfassendes Tatsachenmaterial, das die marxistischen Thesen voll und ganz bestätigt. Das Gesamtkapital aller deutschen Aktiengesellschaften stieg von 18,75 Milliarden RM im Jahre 1938 (20,6 Milliarden RM im Jahre 1933) auf mehr als 29 Milliarden RM zu Ende des Jahres 1942; gleichzeitig fiel jedoch die Zahl der Aktiengesellschaften von 5518 im Jahre 1938 auf 5404 im Jahre 1942; und sie war bereits vorher von 10437 im Jahre 1931 und 9148 im Jahre 1933 auf beinahe die Hälfte dieser Zahl im Jahre 1938 zurückgegangen. Der Anteil der Größtkonzerne mit einem Kapital von mehr als 20 Milliarden RM an diesem Gesamtkapital stieg von 51,4% im Jahre 1933 auf 53,5% im Jahre 1939 und 63,9% im Jahre 1942(48). Der Staat begünstigte diese Konzentration des Kapitals durch die verschiedensten Mittel. Zwangskartellierungen, Zusammenschlüsse unter »Wehrwirtschaftsführern«, Organisation von »Reichsvereinigungen« und »Gauwirtschaftskammern« führten zur höchsten Form von Fusion zwischen Monopolkapital und faschistischem Staat. Die Reichsvereinigung Eisen und Stahl wurde vom Großkapitalisten Röchling geführt; die Reichsvereinigung Kunstfasern von Dr. Vits von den Vereinigten Glanzstoffwerken. Dasselbe galt für die »Reichsgruppen« und »Hauptlausschüsse«. An der Spitze von 8 (von insgesamt 15) dieser Ausschüsse standen Direktvertreter der Großkonzerne (Mannesmann, August Thyssen Hütte, Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken, Henschel-Flugzeugwerke, Auto-Union, Siemens, Weiss & Freytag und Hommelwerke)(41). Gerade auf Grund dieser einwandfrei feststellbaren Entwicklung, die nicht nur dem demagogischen Programm der Nazis, sondern auch ihrem »politischen Sonderinteresse« (der Konservierung einer breiten Massenbasis in Mittelstand, Kleinbürgertum und Kleinbetrieb) direkt widersprach, ist unverständlich, wie Tim Mason zu dem Schluß kommen kann, der industrielle Machtblock habe sich im faschistischen Deutschland nach 1936 »zersetzt« die wirtschaftspolitische Macht der Industrie sei »zersplittert«, »übrig blieben allein die primitivsten (!), kurzfristigsten Interessen einer jeden Firma«; »das kollektive Interesse die kapitalistischen Wirtschaftssystems löste sich 1936 bis 1939 schrittweise in eine reine Anhäufung von Firmenegoismen auf«(50). Mason vertritt die naiv-formale Ansicht, das »kollektive Interesse des kapitalistischen Wirtschaftssystems« sei hauptsächlich durch Unternehmerverbände vertreten, während diese ja wie bekannt im Zeitalter des Monopolkapitalismus, und schon ganz besonders des Spätkapitalismus, im allgemeinen nur versuchen, die Interessen der Masse der Mittel- und Kleinunternehmer mit jenen der Großkonzerne zu versöhnen oder sie gegen diese recht und schlecht zu verteidigen. Monopolkapitalismus ist nicht »Auflösung« des Systems in »eine reine Anhäufung von Firmenegoismen«, sondern immer zunehmende Identifizierung des Systems mit den Firmenegoismen von einigen Dutzend Großkonzernen, auch auf Kosten der Masse der Klein- und Mittelbetriebe. Und das ist ja gerade im faschistischen Deutschland in einem vorher wie nachher noch nicht wiederholten Ausmaß geschehen. Ein ausgezeichnetes Indiz für die tatsächlichen Kräfteverhältnisse zwischen Monopolkapitalisten und Partei- und Staatsbürokratie bietet die Bestimmung von Preis- und Gewinnmargen in der Rüstungsindustrie sowie das Verhältnis zwischen privatem und verstaatlichtem Sektor der Wirtschaft. Die grundlegende Tendenz war dabei nicht die der Verstaatlichung, sondern die der Reprivatisierung(51), nicht der Primat irgendeiner »politischen Führung«, sondern der Primat der Surplusprofite der Großkonzerne(52). Inmitten des Krieges, als man von Fanatikern der »totalen Kriegsführung« völlige Rücksichtslosigkeit gegenüber irgendwelchen Privatinteressen hätte erwarten können, ereigneten sich zwei Zwischenfälle im Zusammenhang mit dem Flick-Konzern, die an Deutlichkeit hinsichtlich der vorherrschenden Produktionsverhältnisse nichts zu wünschen übrig lassen. Am 4. Mai 1940 verhandelte dieser Konzern mit einem staatlichen Beauftragten über die Herstellung von Panzergranaten. Ministerialbeamte hatten berechnet, daß - unter Einbeziehung eines »gerechten Profits« - Flick pro Granate 24. RM erhalten sollte. Der Konzern forderte jedoch 39,25 RM pro Granate. Man einigte sich schließlich auf 37. RM: ein Extragewinn von 13 RM pro Granate, d.h. mehr als 35% oder über eine Million RM Extragewinne für alle bis Ende 1943 fabrizierten Granaten. Man sieht, daß der Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg nicht so bedeutend ist: in beiden Fällen glaubten die Landser, für das Vaterland zu sterben, und in beiden Fällen starben sie für Extraprofite der Konzernherren. Noch »schöner« ist das zweite Beispiel: Die Wehrmacht hatte verschiedene eigene Betriebe mit dem Kapital der öffentlichen Hand errichtet. Diese Betriebe wurden meist gegen eine staatliche Gewinnbeteiligung von 30 bis 35% an die Konzerne verpachtet. Im Jahre 1942 drängte der Flick-Konzern auf Übernahme der Maschinenfabrik Donauwörth-GmbH. Am 31. März betrug ihr Anschaffungswert 9,8 Millionen, der Buchwert jedoch nur 3,6 Millionen. Der Konzern erhielt das mit modernsten Maschinen ausgerüstete Werk für den Buchpreis. Klaus Drobisch schätzt den Profit in diesem Fall auf mehr als 8 Millionen RM(51). Hier entdeckt man, wenn die politische Hülle abgedeckt wird, den realen Kern der Klassenherrschaft. Hätte der Nazistaat systematisch Munitionsbetriebe verstaatlicht, hätte er die Gewinnspannen auf 5 oder 6% herabgesetzt, hätte er darauf bestanden, daß z.B. mehr als die Hälfte der Mitglieder der Aufsichtsräte der für den Krieg arbeitenden Konzerne aus direkten Staats- und Wehrmachtsvertretern bestehen sollten - alles Forderungen die man berechtigterweise aus den Bedürfnissen einer wirksameren Kriegsführung hätte ableiten können -, dann wäre die Frage nach dem Klassencharakter dieses Staates wenigstens zum Teil berechtigt gewesen. Die Daten jedoch zeigen eindeutig ein umgekehrtes Bild: brutale Unterordnung aller Interessen unter jene der Großkonzerne. Auch die im Interesse dieser Konzerne durchgeführte, barbarische Kriegsführung mußte dort Halt machen, wo es um das A und O der Kapitalakkumulation ging. Empirische Daten sprechen auch eine deutliche Sprache in bezug auf die Etappen, die vom Durchbruch der Hitler-Bewegung in den Reichstagswahlen des Jahres 1930 zur Machtergreifung vom 30. Januar 1933 geführt haben. Wir wissen, wie eine massive Finanzierung der Nazis durch bestimmte - noch recht begrenzte - Kreise des Großkapitals einsetzte, welches Zögern und welche Meinungsverschiedenheiten es in den Kreisen des Großkapitals und der Großgrundbesitzer in ihrer Haltung gegenüber Hitler und der NSDAP gab, wie dieses Zögern u.a. durch das va-banque-Spiel des Diktator-Kandidaten gesteigert, aber durch die Passivität und Ratlosigkeit der Arbeiterbewegung gemindert wurde; wie sich das von der Großindustrie bereits im Jahre 1931 aufgestellte, in Richtung auf einen autoritären Staat, massiven Lohnabbau und eine Revision des Versailler Vertrages um jeden Preis zielende Programm(54) mit dem Machtantritt Hitlers verknüpfte, als der zukünftige Führer seinen linksplebejischen Flügel zur Seite schob und den Konzernherren alle erforderlichen Garantien zur Verteidigung des Privateigentums und der Anwendung des »Führerprinzips« auf die Betriebe - u.a. in seiner Rede im Industrieklub vom 27. Januar 1932 - lieferte; wie sich die Allianz von Großindustrie und NSDAP krisenhaft, u.a. über den Umweg der Wahlniederlage der NSDAP im November 1932 und der großen Geldnot, die darauf folgte, herstellte, und wie schließlich nach dem Osthilfeskandal die Zusammenkunft vom 4. Januar 1933 bei Baron von Schröder in Köln das Schicks der Weimarer Republik besiegelte(55). Wenn wir Trotzkis Analyse in den Jahren 1930 bis 1933 verfolgen, so können wir nur feststellen, daß das heute vorhandene Material diese Analyse in allen Punkten bestätigt. Somit bleibt ein letzter und nicht unbedeutender Faktor. Wie stand es um die Möglichkeit, den Aufmarsch des Nationalsozialismus durch eine Aktionseinheit der Arbeiterklasse aufzuhalten? Wie stand es um die Möglichkeit dieser Aktionseinheit selbst? Obwohl hier das Material natürlicherweise fragmentarischer ist als auf dem Gebiet der Wirtschaftsverfassung oder der Haltung einer kleinen Gruppe von Konzernherren, so muß doch die Fülle der Zeugnisse beeindrucken, die andeuten, daß sowohl unter sozialdemokratischen wie unter kommunistischen Arbeitern und unteren Funktionären der Wunsch nach einer gemeinsamen Aktion gegen Hitler sehr groß war. Reminiszenzen flammen aus der Masse der Memoirenliteratur auf - wie das Reichsbanner seine Stafetten zur »Führung« schickte - dieses Wort wurde wohl nie so verdinglicht gebraucht wie in diesem Zusammenhang! -, um zum Kampf aufzufordern, und die irrsinnige Antwort erhielt, man dürfe kein Arbeiterblut vergießen (als ob Hitlers Sieg Arbeiterblut nicht in Strömen hätte fließen lassen, wie Trotzki es voraussagte); wie sich die lokalen Ansätze, noch in letzter Stunde zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten eine gemeinsame Kampflinie zu finden, mehrten; wie ohnmächtig die Führungen von der Machtergreifung zum Reichstagsbrand und von dieser Provokation zum Ermächtigungsgesetz taumelten, ohne auch nur den geringsten strategischen Plan zur Abwehr und zur Selbstverteidigung der Arbeiterbewegung zu verfolgen(56). Diese gespensterhaft wirkende, oft von schlechtem Gewissen durchdrungene Literatur liest sich wie eine bittere Anklage gegen die damalige SPD-, KPD- und ADGB-Führung, auch wenn sie im Zeichen der Selbstrechtfertigung verfaßt wurde. Nie zuvor in der modernen Geschichte haben so Viele für die Fehler so Weniger so teuer zahlen müssen.
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