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Ernest Mandel:
Einführung in den Marxismus
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Cover: Einführung in den Marxismus
238 Seiten, 10,00 €
ISBN 3-929008-04-1
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Theorien über den Faschismus | Drucken |  E-Mail
Ernest Mandel   
17.10.2005


IV

In welchem Verhältnis steht nun die Faschismustheorie Trotzkis zu der der anderen Strömungen der Arbeiterbewegung? Welche spezifischen Merkmale ergeben sich aus einem Vergleich mit anderen Versuchen, das Problem des Faschismus mit Hilfe der marxistischen Methode zu ergründen?

Bei den sozialdemokratischen Autoren fällt vor allem die pragmatisch-apologetische Natur der Analyse auf; die Theorie muß der erzopportunistischen Praxis zu Hilfe eilen und ihr Versagen durch die »Schuld des Gegners« erklären. Dieser Opportunismus hatte in der damaligen Zeit die Nabelschnur zum objektivistisch-fatalistischen Vulgärmarxismus Kautskys noch nicht durchschnitten. Neben der »Schuld der Gegner« erscheint als ultima ratio immer die Gewalt der »objektiven Bedingungen«: die »Kräfteverhältnisse« erlaubten halt nicht, Besseres zu erreichen. Daß eigenes Handeln diese Kräfteverhältnisse ändern kann, daß auch eigene Untätigkeit diese Kräfteverhältnisse - nämlich zugunsten des Klassenfeindes - ändert, war dieser Schule nie geläufig.

Grundtenor ist hierbei die abgeschmackte These, die radikale Agitation der »Bolschewisten« hätte dem Faschismus die Möglichkeit oder zumindest den Vorwand zur Mobilisierung der verängstigten und konservativen Bevölkerungsschichten geboten. Der Faschismus sei die Strafe, die dem Proletariat von der Großbourgeoisie für kommunistische Agitation auferlegt worden sei. »Wollt Ihr die Kleinbürger nicht erschrecken und die Großkapitalisten nicht reizen, so bleibt gemäßigt«. Diese liberale Weisheit der »goldenen Mitte«(25) übersieht, daß es gerade der Bankrott der »gemäßigten« Alltagspolitik im bürgerlichen Parlamentarismus unter Bedingungen der verschärften Strukturkrise des Spätkapitalismus ist, der die Kleinbürger verzweifelt in die Arme der Faschisten treibt. Um sie davon abzuhalten, muß eine Alternativlösung angeboten werden, für die sich Erfolgschancen in der täglichen Praxis des Kampfes ergeben. Fehlt diese Alternativlösung und bleibt dem verarmten und deklassierten Kleinbürgertum nur die Wahl zwischen ohnmächtigem Parlamentarismus und aufmarschierendem Faschismus, dann wird es sich konsequenterweise für den Faschismus entscheiden. Und gerade die »gemäßigte« Selbstbeschränkung und Selbsteinschüchterung der Arbeiterbewegung wird die Massen in dem Gefühl bestärken, das faschistische Pferd sei das aussichtsreichste.

Besonders hilflos zeigt sich die sozialdemokratische Faschismustheorie dann, wenn sie die These »Um jeden Preis an der Legalität festhalten« vertritt, in dem irrigen Glauben, gerade wenn die Faschisten den Boden der Legalität verließen, müßten die Organisationen der Lohnabhängigen sich ausschließlich auf legale Aktionen beschränken. Sie übersieht dabei, daß Legalität und Staat nicht Verdinglichungen abstrakter Begriffe, sondern Ausdruck konkreter Gesellschaftsinteressen und -klassen sind. Die »Legalität« und der »Staat«, das waren letzten Endes die Richter, die Oberste und Majore der Reichswehr, die durch tausend Fäden mit ihren »Kameraden« vom Stahlhelm und von der SS verbunden waren, und die die organisierte Arbeiterbewegung ebenso - nur etwas »zivilisierter« - haßten und bekämpften, wie die faschistischen Banden es taten. Sie als Schutz gegen diese Banden zu benutzen, hieß tatsächlich, jenen schutzlos gegenüberzutreten.

Ein bedeutsames Element der sozialdemokratischen Faschismustheorie liegt auch in der Hypostasierung des Faktors »Wirtschaftskrise« und »Massenerwerbslosigkeit«: Wenn es keine Wirtschaftskrise gäbe, würde die Gefahr des Faschismus verschwinden. Man übersieht dabei, daß die Strukturkrise wichtiger ist als die Konjunkturkrise und daß beim Fortdauern der ersteren auch die Milderung der letzteren die Lage nicht grundlegend ändert. Das mußten belgische Sozialdemokraten wie Spaak und de Man erleben, die mit allen Mitteln auf den Abbau der Erwerbslosigkeit hinarbeiteten - auch unter Preisgabe wichtiger Positionen, vor allem der Kampfkraft der Lohnabhängigen - und dennoch die Faschisten wachsen und nicht zurückfluten sahen.

Alle Ansätze zu dieser sozialdemokratischen Faschismustheorie sind bereits in den ersten Arbeiten vorhanden, die die italienischen Sozialdemokraten der über sie hereinbrechenden Katastrophe widmeten. So schreibt Giovanni Zibordi schon im Jahre 1922: »... den Exzessen des Extremismus (ist) die Verantwortung dafür zuzuschreiben, daß sie die Atmosphäre geschaffen haben, wie der sozialistischen und Arbeiterbewegung im ganzen die Verantwortung dafür zukommt, daß sie jene kleinbürgerlichen und intellektuellen Schichten in die Arme des Faschismus stießen, die keinen wahren ökonomischen Grund haben, den Sozialismus zu fürchten und zu hassen«(26). Turati wiederholt ein paar Jahrespäter: » ... infolge der philo﷓bolschewistischen Exzesse (ist) die Furcht der besitzenden Klassen, ihre Privilegien zu verlieren, so infantil und phantastisch sie war, in gewissen Augenblicken real und sehr groß gewesen ... Der Schluß ist zulässig, daß ohne dieses Verhalten die plutokratisch faschistische Zusammenarbeit nicht möglich gewesen wäre«(27). Und es ist zu bedauern, daß ein ehemaliger Kommunist und Marxist wie Angelo Tasca in seinem vor dem Zweiten Weltkrieg verfaßten Buch zu dem Schluß kommt, man könne nicht gleichzeitig Staatsapparat und Faschismus bekämpfen und müsse sich deshalb mit dem ersten gegen den letzteren verbünden(28).

Die deutschen Sozialdemokraten bieten nur einen vulgarisierten und verflachten Abklatsch dieser Thesen. Ihr bedeutendster Theoretiker der zwanziger Jahre, der belgische Antimarxist Hendrik de Man, der die Psychologie des Kleinbürgertums im Faschismus zu ergründen versuchte, kam auch nach der deutschen Katastrophe zu dem Schluß, man dürfe das Kleinbürgertum nicht »erschrecken« und ließ deshalb eine große Welle von Arbeiterenthusiasmus und Kampfwillen für den Generalstreik im Jahre 1935 jäh abblasen, womit er alle Voraussetzungen für das riesige Anschwellen der faschistischen Bewegung Belgiens seit dem Jahre 1936 schuft(29). Nur Léon Blum war klug genug, nach der Machteroberung Hitlers auszusprechen, der Sieg der Nazis sei die Strafe dafür, daß die deutsche Sozialdemokratie nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches die Ansätze zur proletarischen Revolution erstickt und dadurch alle jene Faktoren - von der Reichswehr bis zu den Freikorps - freigesetzt und gestärkt hätte, die sie nun schmählich davonjagen würden(30). Aber derselbe Léon Blum konnte, als er wenige Jahre später mit einem großen Massenstreik konfrontiert wurde, nichts anderes tun, als die Abwiegelungspolitik der Ebert und Scheidemann wiederholen, was zum Zusammenbruch der Dritten Republik und zur Machtergreifung des senilen Vichy-Bonapartismus führen mußte.

Die offizielle Faschismustheorie der Komintern nach Lenins Tod hat die Bewährungsprobe kaum besser bestanden als die sozialdemokratische. Gewiß gab es Ansätze zu einer marxistischen Analyse der drohenden Gefahr, die international über der Arbeiterbewegung hing. Bei Clara Zetkin, Radek, Ignazio Silone und manchmal auch bei Sinowjew findet man Elemente einer marxistischen Faschismustheorie. Sehr bald geriet aber die theoretische Arbeit der Komintern ins Fahrwasser der Fraktionskämpfe der russischen Kommunistischen Partei. Es galt nicht mehr, objektive Prozesse wissenschaftlich zu erfassen, sondern einer Stalin hörigen Fraktion die Führung der KPD zuzuspielen. Diesem Ziel wurden rücksichtslos alle Erfordernisse marxistischer Analyse und des revolutionären Klassenkampfes in Deutschland untergeordnet.

Das Ergebnis ist bekannt. Es ist die Theorie, die den eigenständigen Massencharakter der faschistischen Bewegung verkennt und den Faschismus als direkten Ausdruck der Interessen der »aggressivsten Teile des Monopolkapitals« versteht. Ihr folgt die Theorie des Faschismus als des »Zwillings« der Sozialdemokratie im Dienste des Monopolkapitals, die Theorie der »graduellen« oder »schrittweisen Faschisierung« der Weimarer Republik, die die Werktätigen über den katastrophalen Charakter der faschistischen Machtergreifung täuscht und sie vom Kampf gegen noch bevorstehende Gefahren abhält. Das Ganze wird durch die Theorie des »Sozialfaschismus« gekrönt, die in ihrer extremsten Form zu der These führt, erst müsse man die Sozialdemokratie geschlagen haben, bevor man den Faschismus schlagen könne(31). Als Abschluß kam noch der typisch sozialdemokratische und defätistische Zusatz, »Hitler würde« - u. a. durch seine Unfähigkeit, die Wirtschaftskrise zu lösen - »rasch abwirtschaften«, »und nach Hitler kommen wir«. Dieses »analytische« Element beinhaltete praktisch, daß man sich bereits mit der Unabwendbarkeit der Hitlerschen Machtergreifung abgefunden hatte und die Auswirkungen dieser Machtergreifung auf die Zerschlagung der Arbeiterbewegung gewaltig unterschätzte. Die gesamte Analyse konnte nur den Widerstand gegen den siegreichen Aufmarsch der Nazis verwirren und paralysieren.

Erst 25 Jahre später vermochte sich die »offizielle« kommunistische Weltbewegung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der falschen Faschismustheorie Stalins aufzuraffen. Der praktische Bruch mit dieser Theorie war allerdings sehr rasch geschehen - nachdem es zu spät war. Die Wende zur Volksfrontpolitik im Jahre 1935 implizierte eine völlige Revision der Theorie des »Sozialfaschismus« und eine sprunghafte Wendung
zu einer ebenso fehlerhaften Rechts-Politik, nachdem die ultralinke Politik so verheerende Folgen gehabt hatte(32). Aber da Stalins Schriften und Thesen bis zum Jahre 1956 tabu waren, begann eine vorsichtige Revision der Sozialfaschismustheorie erst nach Beginn der sogenannten Entstalinisierung(33). Der italienische KP-Führer Togliatti sprach offen aus, was die meisten kommunistischen Kader im stillen dachten, und die offizielle, in der
DDR veröffentlichte »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« unterwarf Theorie und Praxis der KPD in den Jahren 1930 bis 1933 einer zwar vorsichtigen, aber doch gründlichen Kritik, ohne freilich neue Fehler in der Bestimmung von Wesen und Funktion des Faschismus zu vermeiden(34).

Die Theorien von der »graduellen Faschisierung« und vom »Sozialfaschismus« sind nicht nur falsche Einschätzungen der politischen Konjunktur und taktische Fehler im Kampf gegen den Aufmarsch des Faschismus. Sie gehen am entscheidenden Merkmal des Faschismus vorbei, das durch Trotzki so richtig erkannt
und durch die Geschichte so tragisch bestätigt wurde.

Der Faschismus ist nicht bloß eine neue Etappe der Stärkung und Verselbständigung der Exekutive des bürgerlichen Staates. Er ist nicht bloß »die offene Diktatur des Monopolkapitals«. Er ist eine besondere Form der »starken Exekutive« und der »offenen Diktatur«, die sich durch völlige Zerschlagung sämtlicher Arbeiterorganisationen - auch der gemäßigten, sicher der sozialdemokratischen - kennzeichnet. Er ist der Versuch, durch völlige Atomisierung der Werktätigen jegliche Form des organisierten Klassenkampfes, der organisierten Selbstverteidigung der Lohnabhängigen, gewaltsam zu verhindern. Man sieht, wie falsch die
These ist, die besagt: weil die Sozialdemokratie dem Faschismus den Weg ebne, seien Faschismus und Sozialdemokratie Verbündete, und man könne sich nicht mit der letzteren gegen den ersteren Verbünden.

Gerade das Umgekehrte trifft zu. Die Sozialdemokratie bereitete tatsächlich die Machtergreifung des Faschismus vor, indem sie die Kampfkraft der Werktätigen durch ihre Politik der Klassenkollaboration untergrub und sich mit dem Bankrott der parlamentarischen Demokratie identifizierte. Die Machtergreifung des Faschismus ist aber gleichzeitig der Untergang der Sozialdemokratie. Dessen werden sich die Masse der sozialdemokratischen Mitglieder und nicht wenige ihrer Führer umso bewußter, je näher der Augenblick der Katastrophe rückt und sich in zahlreichen blutigen Zwischenfällen schon in der Gegenwart ankündigt. Und dieses Bewußtsein - das zugleich alle Widersprüche der sozialdemokratischen Politik ausdrückt - kann bei richtiger Einheitsfrontpolitik zum Ausgang einer wirklichen Aktionseinheit der Lohnabhängigen und einer tatsächlichen, schlagartigen Änderung der gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse werden, die nicht nur zum Sieg über den Faschismus, sondern auch zum Sieg über den Kapitalismus (und außerdem zum Sieg über die sozialdemokratische Politik der Zusammenarbeit der Klassen und der Versöhnung) führen könnte.

Dieselbe Verkennung der spezifischen Besonderheit des Faschismus finden wir in einer Reihe theoretischer Versuche von Autoren, die zwischen Marxismus und vulgärem Sozialreformismus stehen. So sieht Max Horkheimer im Faschismus »die modernste Form der monopolkapitalistischen Gesellschaft«. Eine ähnliche Konzeption vertrat auch Paul Sering (Richard Löwenthal) mit der These, Nationalsozialismus sei »Planimperialismus«(35). Beide Meinungen knüpfen offensichtlich an die Hilferdingsche These von der Kongruenz zwischen der politischen Machtzentralisation im bürgerlichen Staat und der »höchsten Form der Konzentration des Kapitals« an, die jener im Finanzkapital sah. Aber so genial und historisch zutreffend die skizzierte Voraussage - trotz der implizierten Vereinfachung - im Jahre1907 auch war, so unzutreffend wird sie in den Jahren unmittelbar vor und nach der Hitlerschen Machtergreifung. Man kann den Faschismus nicht begreifen, wenn man von zwei entscheidenden Momenten der Analyse abstrahiert: daß die höchste Form
der Zentralisation des bürgerlichen Staates nur durch die politische Selbstentmachtung des Bürgertums erreicht werden kann(36), und daß es sich nicht um die »modernste Form der monopolkapitalistischen Gesellschaft«, sondern um den Ausdruck der schärfsten Form der Krise dieser Gesellschaft handelt(37).

In seinem Buch »Der Faschismus - Seine Entstehung und seine Entwicklung« versucht Ignazio Silone nicht ohne Erfolg, den Faschismus als das Ergebnis der tiefen Strukturkrise der italienischen bürgerlichen Gesellschaft und der gleichzeitigen Unfähigkeit der italienischen Arbeiterbewegung darzustellen, diese Krise durch eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft zu lösen(38). Auch hat er richtig den Unterschied zwischen Faschismus und »klassischer« Militärdiktatur oder Bonapartismus erkannt(39). Seine Definition der »politischen Unreife« der Arbeiterbewegung bleibt jedoch an der Schwelle des zu lösenden Problems stehen. Welcher Faktor hindert diese Arbeiterbewegung, als Vertreterin sämtlicher ausgebeuteten Schichten der Nation aufzutreten, breite Schichten des Kleinbürgertums zu neutralisieren oder für sich zu gewinnen und den Kampf um die Macht auf die Tagesordnung zu setzen? Es. ist kein Zufall, daß der Begriff »sozialistische Revolution« in Silones Buch kaum vorkommt und daß er wenig Verständnis dafür zeigt, daß die Lösung der von ihm selbst geschilderten, komplexen Aufgabe einen strategischen Plan erfordert, der nur durch eine dazu geschaffene, revolutionäre Partei gelöst werden kann. So richtig seine Kritik an den italienischen Reformisten, Maximalisten und den unreifen ultralinken und fatalistischen Tendenzen der jungen italienischen KP auch sein mag, sie führt zu keiner Alternativlösung und läßt den Eindruck entstehen, »politische Reife« und Fähigkeit zur politischen Führung seien entweder das Ergebnis eines biologischen Zufalls (»In Rußland gab es Lenin«) oder eine mystische Angelegenheit. Es ist verständlich, daß Silone nicht lange an diesen typischen Übergangspositionen festhalten konnte; er entwickelte sich rasch zum Reformisten zurück.

Die beiden wichtigsten Beiträge zur Faschismustheorie, die neben dem Trotzkis in den zwanziger und dreißiger Jahren von marxistischer Seite geleistet wurden, waren die von August Thalheimer und Otto Bauer(40). August Thalheimers Faschismusanalyse kommt der Trotzkis am nächsten. Durch zu enge Anlehnung an die Marxsche Analyse des Bonapartismus des 19. Jahrhunderts und Überbetonung der »graduellen Faschisierung« unterschätzt er aber den qualitativen Unterschied zwischen Bonapartismus und Faschismus (Verselbständigung des Staatsapparats mit »traditioneller« Repression der revolutionären Bewegung versus Verselbständigung des Staatsapparats mit Zertrümmerung aller Arbeiterorganisationen und Versuch einer vollständigen Atomisierung der Lohnabhängigen). Ferner reduziert er das Faschismusproblem auf die gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse - die Arbeiterschaft ist noch nicht fähig, die politische Herrschaft auszuüben; das Großbürgertum ist dazu selbst nicht mehr fähig -, ohne den Zusammenhang der Entwicklung dieser Kräfteverhältnisse mit der Strukturkrise des Spätkapitalismus zu durchleuchten(41).Trotzkis Faschismustheorie vereint dagegen die widerspruchsvollen Momente zu einer dialektischen Einheit, indem sie einerseits die Triebkräfte aufzeigt, die in einer Situation der strukturellen Krise des Kapitalismus die Arbeiterschaft zur Eroberung und Ausübung der politischen Herrschaft befähigen könnten – in dieser Frage war die Thalheimersche Verwechslung der objektiv-historisch bedingten Unreife der französischen Arbeiterklasse in den Jahren 1848 bis 1850 mit der nur subjektiven Unreife der deutschen Arbeiterklasse in den Jahren 1918 bis 1933, die gerade im Widerspruch zur objektiven Möglichkeit steht, besonders verhängnisvoll -, andrerseits den funktionellen Charakter der »Verselbständigung« des Staatsapparates unter dem Faschismus hervorhebt, die ja gerade durch die Verhinderung jeglichen organisierten Klassenwiderstands des Proletariats die Verwertungsbedingungen des Kapitals radikal zugunsten des Großbürgertums ändert und dadurch die Strukturkrise zeitweilig - bis zur nächsten Explosion - lösen soll.

Otto Bauer sieht im Faschismus eine Verbindung dreier Momente: der Deklassierung von Teilen des Kleinbürgertums durch den Krieg; der Verelendung weiterer Teile des Kleinbürgertums durch die Wirtschaftskrise, die zu deren Bruch mit der bürgerlichen Demokratie führt; schließlich des Interesses des Großkapitals an vermehrter Ausbeutung der Arbeitskraft, wozu der Widerstand der Arbeiterklasse und der Arbeiterorganisationen notwendigerweise gebrochen werden muß(42). Richtig erkennt er auch, daß »der Faschismus nicht in einem Augenblick gesiegt (hat), in dem die Bourgeoisie von der proletarischen Revolution bedroht gewesen wäre. Er hat gesiegt, als das Proletariat schon längst geschwächt und in die Defensive gedrängt, die revolutionäre Flut schon abgeebbt war. Die Kapitalistenklasse und der Großgrundbesitz haben die Staatsmacht den faschistischen Gewalthaufen nicht Überantwortet, um sich vor einer drohenden proletarischen Revolution zu schützen, sondern um die Löhne zu drücken, die sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse zu zerstören, die Gewerkschaften und die politischen Machtpositionen der Arbeiterklasse zu zertrümmern; nicht also, um einen revolutionären Sozialismus zu unterdrücken, sondern um die Errungenschaften des reformistischen Sozialismus zu zerschlagen«(43).

So sehr diese Analyse dem unsinnigen Nachplappern der faschistischen These, der Faschismus stelle nur eine Antwort auf die »bolschewistische Gefahr« dar, durch die Vulgärreformisten überlegen ist, so leidet sie doch fatal an der Unterschätzung der tiefen Strukturkrise, die den Kapitalismus in den Jahren 1918 bis 1927 in Italien und in den Jahren 1929 bis 1933 in Deutschland erschütterte, die diese Gesellschaftsordnung schwächte und nicht stärkte, dadurch aber zugleich die objektiven Möglichkeiten einer Machteroberung durch die Arbeiterklasse verbesserte. Die mechanische Trennung von »Defensive« und »Offensive« - wie Otto Bauer sieht auch Thalheimer den Sieg des Faschismus als logischen Ausgang der nach Niederschlagung der Ansätze der proletarischen Revolution von 1918 bis 1921 sich immer weiter ausdehnenden Konterrevolution, ohne zu erkennen, daß die 15 Jahre von 1918 bis 1933 durch ein periodisches An﷓ und Abschwellen der revolutionären Möglichkeiten und keineswegs durch einen geradlinigen Abstieg gekennzeichnet waren - führt lediglich dazu, diesen Zusammenhang zu verschleiern.

Und die unvollständige Analyse führt ihrerseits zu schwer wiegenden taktischen Fehlern. Da man sich in einer »defensiven Phase« befand, glaubte der »revolutionäre Sozialist« Otto Bauer, sich darauf beschränken zu müssen, »Gewehr bei Fuß« abzuwarten, bis die kleriko-faschistische Reaktion die Arbeiterorganisationen angriff; dann - aber nur dann - würde man sich mit allen Mitteln, inklusive Waffen, verteidigen. Dies führte zum heroischen Schutzbundkampf vom Februar 1934, der gewiß der kampflosen Kapitulation der SPD und der KPD vor dem Naziregime haushoch überlegen war, doch genau wie diese zur Niederlage führen mußte. Denn nur wenn die Arbeiterbewegung die ganze Tiefe der Strukturkrise erkennt, offen ausspricht, daß sie diese Krise nur mit ihren eigenen Mitteln lösen will und deshalb den Kampf um die Eroberung der Macht als ein Nahziel anvisiert, kann es ihr gelingen, die am status quo (und auch an der bloßen »Verteidigung« der Arbeiterorganisationen) nicht mehr interessierten Mittelschichten und die schwankenden Teile der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

Ein so scharfsinniger Historiker wie Arthur Rosenberg beschließt seine Geschichte der Weimarer Republik im Jahre 1930 mit den Worten: »1930 ging die bürgerliche Republik in Deutschland zugrunde, weil ihr Schicksal den Händen des Bürgertums anvertraut war und weil die Arbeiterschaft nicht mehr stark genug war, um die Republik zu retten«(41). Daß - sofern die Führung der Arbeiterschaft nicht versagte - noch fast drei Jahre Zeit blieben, um durch aktiven Kampf der Arbeiterschaft zwar nicht die bürgerliche Demokratie zu retten, aber das, was von demokratischen Elementen sich zu erhalten lohnt, in den Sozialismus hinüberzuretten, entging der fatalistischen Geschichtsschreibung Rosenbergs.



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