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Theorien über den Faschismus | Drucken |  E-Mail
Ernest Mandel   
17.10.2005

 

 

I
Die Geschichte des Faschismus ist zugleich die Geschichte der Theorie über den Faschismus. Für kein neues gesellschaftliches Phänomen der modernen Zeit ist die Simultaneität von Erscheinung und Versuch der Erkenntnis so frappant wie für den Faschismus.

Die Gründe dieser Gleichzeitigkeit sind offensichtlich. Es handelt sich um eine schlagartig auftretende, Neuerscheinung, die eine langfristige historische Tendenz des »Fortschritts« jäh umzuwerfen scheint. Aufmerksame Zeitgenossen sind umso erschrockener, als die Brutalität der geschichtlichen Wende von einer noch präziseren Brutalität der gegen einzelne gerichteten Brachialgewalt begleitet wird. Historisches und individuelles Schicksal werden plötzlich für Tausende - und später für Millionen - identisch. Nicht nur die Niederlage von Gesellschaftsklassen und der Untergang von politischen Parteien, sondern die Existenz und das physische überleben von großen Menschengruppen stehen plötzlich auf der Tagesordnung.

Es ist deshalb verständlich, daß sich die Betroffenen über das sie treffende Schicksal praktisch sofort um Selbstverständigung bemühten. Aus den Flammen des ersten Volkshauses, das die faschistischen Banden in Italien ansteckten, mußte unvermeidlich die Frage aufleuchten: »Was ist dieser Faschismus?«. Vierzig Jahre lang, bis in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, hat diese Frage die führenden Theoretiker sowohl der Arbeiterbewegung als auch der bürgerlichen Intelligenz fasziniert. Obwohl der Druck der Ereignisse und der »unbewältigten Vergangenheit«(1) in den letzten Jahren etwas nachgelassen hat, bleibt die Faschismustheorie weiterhin ein willkommenes Objekt der Politologie und der politischen Soziologie(2).

Daß in den immer wieder aufkommenden Versuchen zur Deutung der größten Tragödie zeitgenössischer europäischer Geschichte oft nicht viel Wissenschaft und umso mehr zweckbedingte Ideologie steckt, dürfte wohl niemanden erstaunen, der sich der sozialen Bedingtheit der sogenannten Geschichtswissenschaften bewußt ist. Der wissenschaftliche Stoff wird ihnen ohne Zweifel von der historischen und zeitgenössischen Realität selbst: geliefert. Auch das Instrumentarium von Begriffen und Konzepten, womit dieser Stoff geordnet und immer wieder neu geordnet werden soll, wird größtenteils von jeder Generation von Soziologen und Politologen vorgefunden und nur teilweise erneuert. Aber die Art und Weise, in der diese analytischen Instrumente auf den Stoff angewandt werden, und das Ergebnis zu dem sie führen, sind keineswegs immanent vorbestimmt. Von Robert Michels' Konzept der bürokratisierten Partei etwa oder von Mannheims Begriff der freischwebenden Intelligenz aus läßt sich objektiv gesehen in unzählige Richtungen vorstoßen. Wenn der Hauptvorstoß aber nicht nach allen Seiten zugleich erfolgt, sondern nur nach einer oder einigen wenigen, wenn dieser Vorstoß dann noch zusätzlich bestimmte politische Vorstellungen untermauert, die die Selbstsicherheit und Selbstzufriedenheit bestimmter Gesellschaftsklassen bestärkt, dagegen die politische und moralische Angriffsfläche, die sie den ihnen feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsklassen bieten, bedeutend einschränkt - dann kann wohl kaum bezweifelt werden, daß es sich hier um einen funktionellen Prozeß handelt, d.h., daß die vorherrschende Deutung einer bestimmten historischen Erscheinung eine ganz konkrete Funktion in der fortlaufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu erfüllen hat(3).

In demselben Sinne scheint es uns offensichtlich, daß die Simultaneität von Faschismus und Faschismustheorie kaum auf den wissenschaftlich-kontemplativen Charakter dieser Theorie beschränkt werden kann. Wenn sich Theoretiker mühen, das Wesen des Faschismus zu erfassen, so nicht nur aus Liebe zur Soziologie oder zur wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt, sondern auch in der verständlichen und durchaus vernünftigen Annahme, man würde den Faschismus umso erfolgreicher bekämpfen können, je präziser man seine Natur erfaßt. Die parallele Entwicklung von Faschismus und Faschismustheorie bedingt demnach eine notwendige Inkongruenz. Der Faschismus konnte sich über zwei Jahrzehnte nur darum erfolgreich entwickeln, weil seine wirkliche Natur nicht richtig erfaßt wurde, weil es den gegen seinen Vormarsch Kämpfenden an einer wissenschaftlichen Faschismustheorie mangelte, weil die vorherrschende Faschismustheorie eine falsche - oder unvollständige - war.

Wir sprechen von einer notwendigen Inkongruenz, weil wir im zeitweiligen Sieg des italienischen, deutschen und spanischen Faschismus nicht das Ergebnis irgendwelcher, dem Eingriff praktisch handelnder Menschen und Gesellschaftsklassen entrissener, blinder Schicksalskräfte erblicken, sondern das Produkt genau meßbarer, erfaßbarer und zu bewältigender Verschiebungen der ökonomischen, politischen und ideologischen Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Klassen des Spätkapitalismus. Und wenn man von der Annahme ausgeht, daß dieser zeitweilige Sieg des Faschismus nicht unvermeidlich und fatal war, dann muß man schon annehmen, daß eine den wirklichen Erscheinungen kongruente und sie durchleuchtende Theorie den Kampf gegen den Faschismus entscheidend erleichtert hätte.

Die Geschichte des Aufstiegs des Faschismus ist hiermit gleichzeitig die Geschichte der Unzulänglichkeit der vorherrschenden Faschismustheorie. Dies beinhaltet jedoch keineswegs, daß die unzulängliche Faschismustheorie die einzige Faschismustheorie war. Am Rande der organisierten politischen Kräfte und ihrer Ideologien arbeitete die analytische Intelligenz mit einer Schärfe, die heute nur Staunen und Bewunderung hervorrufen kann. Sie erfaßte das neue Phänomen, erkannte zeitig die gewaltige Gefahr, warnte die Zeitgenossen, zeigte den Weg zur Bewältigung des drohenden Ungeheuers und erreichte auf theoretischem Gebiet alles, was auf diesem Feld überhaupt erreicht werden kann. Die Theorie allein kann die Geschichte nicht machen, dazu muß sie die Massen ergreifen. Die bürokratischen Apparate, die die Massenorganisationen der Arbeiterschaft beherrschten, konnten mit Erfolg verhindern, daß eine adäquate Faschismustheorie und eine wirksame Strategie und Taktik zum Kampf gegen den Faschismus in die Massen eindrangen. Sie zahlten dafür später selbst den Preis einer geschichtlichen Niederlage und oft der physischen Vernichtung. Der Preis, den die Menschheit zahlte, war ungleich höher. Auch die Zahl von 60 Millionen Toten des 2. Weltkrieges bringt ihn nur unvollständig zum Ausdruck, denn die objektiven Folgen vor allem des Sieges des deutschen Faschismus im Jahre 1933 wirken bis heute auf vielen Gebieten weiter(4).

In der Geschichte geschieht aber nichts vergeblich; keine historische Leistung bleibt auf die Dauer ergebnislos. Wenn auch die wissenschaftliche Faschismustheorie nicht genügend Masseneinfluß gewann, um den Siegesmarsch der faschistischen Banden in den dreißiger und anfangs der vierziger Jahre aufzuhalten, so wirkt auch sie bis heute weiter, beleuchtet und erklärt neue gesellschaftliche Nachkriegserscheinungen, bereitet neue Kämpfe vor und vermeidet neue Niederlagen, wenn man sich ihre Lehren aneignet. Es ist demnach kein Zufall, daß die Renaissance des schöpferischen Marxismus in der Bundesrepublik vor allem im Zuge der Massenradikalisierung der Studentenschaft - das Interesse an der Faschismustheorie wieder stark belebt hat. Darum ist es angebracht, daß der 1. Band der »Gesammelten Werke« Leo Trotzkis den Schriften über den Faschismus gewidmet ist. Denn unter jener kleinen Zahl von Theoretikern, die Wesen und Funktion des Faschismus richtig erkannt haben, nimmt Trotzki ohne Zweifel den ersten Platz ein.



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