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Die revolutionäre Strategie Trotzkis | Drucken |  E-Mail
B.B.   
29.09.2005

Die russische Revolution von 1905 ist unweigerlich mit dem Namen Leo Trotzki und seiner Theorie der permanenten Revolution verbunden. Seine Strategie drückte am besten den revolutionären Prozess der ersten russischen Revolution aus.

Am 9. Januar 1905 nach damaliger Zeitrechnung schossen zaristische Truppen in eine Demonstration zum Zaren und ermordeten hunderte von Männern, Frauen und Kindern, die um eine Verbesserung ihres erbärmlichen Lebens bitten wollten. Auf den „Blutsonntag” reagierten über eine Million ArbeiterInnen mit ausgedehnten Streiks.
Während die führenden FunktionärInnen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) sich in London bzw. Genf trafen, um sich als Menschewiki bzw. Bolschewiki in zwei eigenständige Parteien zu spalten, reiste der junge Sozialdemokrat Leo Trotzki im Frühjahr 1905 illegal vom Exil nach Russland ein. Mehr noch als sein Mentor Parvus sollte er später im Arbeiterrat der Hauptstadt St. Petersburg eine wichtige Rolle spielen. Beide übernahmen auch die Führung der dortigen menschewistischen Parteiorganisation. Deren Organ Natschalo (Der Anfang) wurde unter ihrer Leitung zur am meisten verbreiteten sozialdemokratischen Zeitung der Hauptstadt. Parvus und Trotzki konnten nur deshalb eine so wichtige Rolle in der ersten russischen Revolution spielen, weil ihre Theorie der permanenten Revolution dem revolutionären Prozess am meisten entsprach.

Drei unterschiedliche Strategien

Bis dahin ging die SDAPR vom bürgerlichen Charakter der Revolution aus, den auch das Programm der Partei entsprechend charakterisierte. Nach diesem Schema suchten die Menschewiki das Bündnis mit dem liberalen Bürgertum. Die Bolschewiki bestritten nicht das Dogma vom bürgerlichen Charakter der Revolution. Eine ihrer drei Hauptforderungen ab 1905 lautete: „Die Republik für sämtliche Bürger!” Diese wollten sie nicht durch ein Bündnis mit dem Bürgertum, sondern mit der Bauernschaft erreichen. Da ArbeiterInnenklasse und Bürgertum aber nur eine kleine Minderheit der 125 Mio. EinwohnerInnen Russlands ausmachten, ArbeiterInnenklasse und Bauerntum aber die übergroße Mehrheit, war die Strategie der Menschewiki im Kern undemokratisch und unrealistisch, die der Bolschewiki jedoch mehrheitsfähig.

Im Unterschied zu beiden Positionen traten Parvus - Trotzki für eine Arbeiterregierung, die Diktatur des Proletariats und die permanente Revolution ein. In ihrer Zeitung Natschalo schrieben sie: „Der vollständige Sieg der Revolution bedeutet den Sieg des Proletariats. Letzterer aber bedeutet einerseits eine Revolution in Permanenz. Das Proletariat verwirklicht die Grundaufgaben der Demokratie, und die Logik seines unmittelbaren Kampfes um die Sicherung seiner politischen Machtstellung stellt im gegebenen Moment rein sozialistische Probleme vor ihm auf. Die Revolution in Permanenz nimmt zwischen dem Minimumprogramm und dem Maximumprogramm Platz. Das ist nicht ein `Ansturm`, nicht ein Tag und nicht ein Monat – das ist eine ganze historische Epoche”.

Für die Menschewiki war die Position Parvus - Trotzki die Absage an alle grundlegenden Veränderungen, weil damit das für sie notwendige Bündnis mit dem Bürgertum gesprengt wurde. „Um in diesem gefährlichen, verhängnisvollen Moment die Kluft zwischen dem Proletariat und den Massen der Bourgeoisie und bürgerlichen Demokratie noch tiefer und klaffender zu machen, ließ die Sozialdemokratie in ihrem einflussreichsten Organ `Natschalo`, die Idee einer Revolution in Permanenz und des unmittelbaren Überganges der bürgerlichen Revolution in eine soziale Revolution auftauchen”, schrieb der rechte Menschewik Tscherewanin.

Die Arbeiterräte und die Bolschewiki

Entsprechend ihrer revolutionären Theorie spielte die menschewistische Petersburger Parteiorganisation unter Trotzki-Parvus die führende Rolle in den Arbeiterräten und damit im revolutionären Prozess. Trotzki wurde stellvertretender Vorsitzender des zentralen Arbeiterrates in der Hauptstadt. Die Räte (Sowjets) waren infolge der wiederholten Streikwellen entstanden. Der Vorschlag zur Wahl der Delegierten in den Fabriken kam von den Menschewiki. Lenin war zunächst gegen diesen Vorschlag.
Erst am 5. November sprach er sich für die Unterstützung der Arbeiterräte aus und korrigierte damit seine eigene Position. Doch die Petersburger Parteiorganisation der Bolschewiki verlangte ultimativ von den Räten die Annahme des sozialdemokratischen Programms und den Eintritt in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands. Als Lenin dies kritisierte, wurde sein entsprechender Brief nicht einmal in der bolschewistischen Zeitung veröffentlicht.

Parlamentarische Arbeit statt bewaffnetem Aufstand

Die offiziellen menschewistischen Parteiführer, die im Herbst 1905 aus dem Ausland nach St. Petersburg gelangten, arbeiteten im Arbeiterdelegiertenrat mit, beklagten aber, dass er keinen Spielraum für die Bildung einer Duma (Parlament) ließ. Ein entsprechender Versuch diese zu installieren, war zum Bedauern der Menschewiki am Boykott der ArbeiterInnenklasse gescheitert. Als der Petersburger Sowjet nach der Verhaftung seines Vorsitzenden, Chrustalew, am 8. Dezember zum bewaffneten Aufstand rief und kurz darauf in Moskau der Dezemberaufstand ausbrach, war die menschewistische Parteiführung fassungslos. Tscherewanin erklärte, die „Taktik” des Aufstandes sei „grundfalsch”. Der Gründer der Sozialdemokratie Plechanow dozierte: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen.”!
Sie stellten sich eine „revolutionäre” Entwicklung anders vor: „Das Proletariat konnte nur dadurch zum Sieg gelangen, daß es die Reichsduma als einen Hebelpunkt zum weiteren Kampf ausnützte. Nur mittels der Duma und nur durch diese konnte es die notwendige organische Verbindung mit dem Bauerntum und der Armee gewinnen, um den völligen Sturz des alten Regimes vorzubereiten und die Bahn zur vollständigen Volksherrschaft zu ebnen”. Der Schatten eines nicht existierenden Parlaments war der Dreh- und Angelpunkt der menschewistischen Strategie zur Gesellschaftsveränderung.

Der 8-Stunden-Tag

Die Menschewiki sahen die Gefahr der „Selbstisolierung des Proletariats” durch zu radikale Forderungen nicht nur beim bewaffneten Aufstand, sondern selbst im Kampf um den 8-Stunden-Tag. Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ging unmittelbar aus den Streiks in Petersburg hervor, weil die ArbeiterInnen nicht auf die Verbesserung ihrer materiellen Lage verzichten wollten. Sie verkürzten eigenmächtig die Arbeitszeit in den bestreikten Betrieben auf 8 Stunden. Der Arbeiterrat von Petersburg unterstützte diese Aktionen, dekretierte am 11. November die Einführung des 8-Stunden-Tages und rief zu seiner Einführung zum Generalstreik auf.

Im Unterschied zu ihrer eigenen Petersburger Lokalorganisation und den Bolschewiki kritisierte die offizielle menschewistische Parteiführung den Kampf um Arbeitszeitverkürzung aus strategischen Gründen. Im allgemeinen waren natürlich auch die Menschewiki für den 8-Stunden-Tag. Aber in ihren Augen musste die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung die Fabrikbesitzer gegen die ArbeiterInnenklasse aufbringen und in die Arme des Zarismus treiben. Damit sahen die Menschewiki ihr strategisches Bündnis mit dem liberalen Bürgertum gegen Adel und Monarchie gefährdet. Das Proletariat würde sich mit seinem Kampf nur isolieren. Als dann die Fabrikanten mit Aussperrung antworteten und die ArbeiterInnen den Streik abbrechen mussten, war das für die menschewistische Parteiführung nur eine Bestätigung ihrer Warnungen.

Während die russische Revolution von 1905 die Menschewiki in ihrer Bündnispolitik mit dem Bürgertum bestärkte, heilte sie das liberale Bürgertum von allen Bündnisabsichten mit den ArbeiterInnen. Dass der verlorene Kampf die Forderung nach dem 8-Stunden-Tag in das Bewusstsein der ArbeiterInnenklasse ein für allemal tief einbrannte, empfanden die Menschewiki eher als störend, auch wenn sie sich in der Praxis nicht gegen die Stimmung der ArbeiterInnenklasse stellen wollten. Dagegen stand ihre Petersburger Lokalorganisation mit Parvus und Trotzki an der Spitze des Kampfes für den 8-Stunden-Tag.

Lenin und Trotzki

In der kommenden Zerfalls- und Reaktionsperiode von 1907 - 1911 trat die Frage der Strategie gegenüber der Organisationsfrage in den Hintergrund. Erst mit dem revolutionären Aufschwung von 1912 - 1913 und erneut mit der Februar- und Oktoberrevolution von 1917 gewann die Strategiedebatte wieder die ihr zukommende Bedeutung.
Trotz gewisser Unterschiede zeigten sich in der Revolution von 1905 die Ähnlichkeit der Strategien Lenins und Trotzkis. Beide traten für den bewaffneten Aufstand ein. Forderten die Bolschewiki die „Revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft”, so strebten Parvus-Trotzki die „Diktatur des Proletariats” an.
Die Revolution von 1905 deutete bereits an, dass die Suche nach dem Bündnis mit dem Bürgertum einschließlich der Orientierung auf die Parlamentsarbeit die Menschewiki in das Lager der Gegenrevolution führen würde. Andererseits zeigte die Revolution, dass die Strategien Lenins und Trotzkis in der Praxis weitgehend übereinstimmten, wenn auch Lenin Kurs auf die sozialistische Revolution erst 1917 mit seinen Aprilthesen nahm. Die Vereinigung der Bolschewiki um Lenin mit der Zwischenbezirksorganisation Trotzkis im Sommer 1917 war nur der organisatorische Ausdruck der Verschmelzung ihrer strategischen Vorstellungen, die in die Oktoberrevolution mündeten.

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