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Leben in Deutschland ohne Papiere: Um keinen Preis auffallen | Drucken |  E-Mail
Larissa Reisner   
01.12.2004
Was es bedeutet, ohne gültigen Aufenthaltstitel in Deutschland zu leben, kann mensch sich als „legaler“ Mensch nur schwer vorstellen.

Zu den „ganz normalen“ Problemen, die das Leben in der Migration mit sich bringt (Rassismus, Ausgrenzung, ...) kommen noch eine ganze Reihe weiterer Schwierigkeiten hinzu: z. B. die ständige Angst, von der Polizei entdeckt und abgeschoben zu werden, unter keinen Umständen auffallen zu dürfen, bestimmte Orte (wie z.B. Hauptbahnhof oder Stadtzentrum) vermeiden zu müssen, nie ohne Fahrkarte Bus zu fahren, häufig die Wohnung zu wechseln, keine Krankenversicherung zu haben, Ausbeutung und Erpressung am Arbeitsplatz fast schutzlos ausgeliefert zu sein , die Betreuung und Erziehung der Kinder1 nur unter Schwierigkeiten organisieren zu können und nicht zuletzt – an Stelle der manchmal erhofften beruflichen Qualifizierung und Weiterbildung – berufliche Degradierung.
In Deutschland gibt es für illegalisierte Menschen außer der Heirat2 eigentlich keine Möglichkeiten, jemals an einen sicheren Aufenthaltsstatus zu kommen, da die Gesetzgebung sehr restriktiv ist und da, im Gegensatz zu anderen Ländern wie Italien, Frankreich oder die USA, keine Legalisierungskampagnen stattfinden. Die enormen Belastungen, die durch andauernden psychischen Stress, Isolation und ein Gefühl der dauerhaften Überforderung und Impotenz entstehen, sind also ein Dauerzustand, der nicht ohne Folgen bleibt und letztendlich die psychische Gesundheit unterminiert.
Trotzdem und trotz der immer stärkeren Überwachung der Grenzen nehmen Menschen diese Belastungen eines Lebens sans papiers auf sich. Die Gründe sind vielfältig. Die aussichtlose materielle Situation im Herkunftsland, der abgelehnte Asylantrag, die inoffizielle Familienzusammenführung oder schlicht Abenteuerlust oder der Wunsch nach beruflicher Erfahrung können zu einer solchen Entscheidung führen.

Für die arbeitsrechtliche Situation Illegalisierter siehe: DGB Bildungswerk, Schriftenreihe Migration& Arbeitswelt, Rechte aus dem Arbeitsverhältnis – Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ohne Aufenthalts- und/oder Arbeitserlaubnis, Dez. 2002.

Frauen ohne Papiere

Fast die Hälfte der in Deutschland lebenden Sans Papiers sind Frauen. Neben den oben erwähnten Gründen kommen bei Frauen oft als Fluchtgrund hinzu, dass sie Schutz vor geschlechtsspezifischer Verfolgung suchen.
Entsprechend der Gegebenheiten vor Ort3 variiert die Anzahl der Frauen. Mensch geht z.B. davon aus, dass in Leipzig deutlich mehr illegalisierte Männer als Frauen leben, dass in München der Unterschied jedoch nicht so groß ist und dass hier, aufgrund eines ausgeprägten sog. weiblichen Beschäftigungssektors (Arbeit in Privathaushalten und im Reinigungsgewerbe) auch tendenziell mehr allein stehende Frauen ohne sicheren Aufenthaltstitel leben als in anderen Großstädten.
In Zeiten der Globalisierung bleiben Frauen auch in der transnationalen Migration zuständig für die Versorgung der Familie und haben somit auch in der Illegalität eine große Verantwortung zu tragen.
Trotz dieser Schwierigkeiten bietet für einige Frauen das Leben in der illegalen Migration die Chance, selbstständig zu leben und evtl. einige Freiheiten zu genießen, die eine liberale Gesellschaftsordnung ermöglicht. Diese sind jedoch die Ausnahme. Den meisten Frauen gelingt es in der Illegalität nicht, ihr Leben autonom zu gestalten: Zu stark sind die Einschränkungen, Zwänge und Belastungen. Ausbeutung, Gewalt und Entwürdigung, denen Frauen in einem patriarchalen Gesellschaftssystem besonders ausgesetzt sind, nehmen zu, je rechtloser und emotional verwundbarer die Frau ist. Hier spielen vor allem die Abhängigkeiten vom „Arbeitgeber“ und von den Schutzgewährenden eine Rolle. Kommt dann noch eine krisenhafte Situation hinzu, wie es z.B. eine Schwangerschaft darstellt, so gelangt die Frau leicht an die Grenzen ihrer Belastbarkeit, ist jedoch i.d.R. auch hier auf sich allein gestellt (nur in den seltensten Fällen wird die Frau vom Vater des Kindes emotional oder finanziell unterstützt).

„Dass sie uns nicht vergessen...“ Menschen in der Illegalität in München, Dr. Philip Anderson, empirische Studie im Auftrag der Landeshauptstadt München, 2003
Linksammlung „Aktiv gegen Abschiebung! Kein Mensch ist illegal!“ www.aktivgegenabschiebung.de

 

Da der staatliche Versuch, Migration zu kontrollieren und gegebenenfalls zu unterbinden für uns nicht akzeptabel ist und wir uns dafür einsetzen, dass jeder Mensch seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen kann, und da Rechtlosigkeit direkt mit Abhängigkeit, Ausbeutung und Gewalt in Zusammenhang steht, kann die Situation Illegalisierter nur nachhaltig verbessert werden, wenn ihnen alle Rechte einschließlich einem dauerhaften Bleiberecht zugestanden werden. Kein Mensch ist illegal!

1 Es gibt immer wieder LehrerInnen und DirektorInnen, die das Recht der Kinder auf Schulbesuch über ihre Meldepflicht stellen. Ansonsten gibt es nur die Möglichkeit, teure Privatkindergärten und –schulen zu bezahlen, um die Bildung der wahrscheinlich in größerer Zahl als bisher angenommen minderjährigen Kinder, die illegal in Deutschland leben, zu gewährleisten.
2 Die sog. Zweckehe spielt eine bedeutende Rolle als Möglichkeit, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, erweist sich in vielen Fällen aber als zwischenmenschlich sehr komplizierte Angelegenheit. Ausbeutung und Gewalt reichen hier vom viel zu geringen Lohn, 14-Stunden-Arbeitstagen, kleinen, arbeitsbezogenen Gängeleien bis hin zu sexueller Gewalt und Zwangsprostitution.
3 Hierzu gehören Arbeitsmöglichkeiten und die Existenz sozialer Netzwerke und persönlicher Beziehungen. Für Illegalisierte spielt generell die Einbindung in solche unterstützende Netzwerke eine große Rolle, sie scheint aber für Frauen besonders wichtig zu sein, da diese sich ohne solche Kontakte in einer völlig prekären ökonomischen und sozialen Lage befinden und gänzlich schutzlos sind.

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